Gesundheit - Unser wertvollstes Gut

Interview mit Dr. Heike Kroll, Geschäftsführung DFK

Am 28. April ist der Tag für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz. Er wurde 1984 von der internationalen Arbeiterorganisation (ILO) ins Leben gerufen und findet seitdem jährlich Ende April statt. Ziel des „Aktions- tages für die Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz“ ist die Schaffung von sichereren, gesünderen und menschenwürdigeren Arbeitsbedingungen weltweit. Perspektiven sprach mit Dr. Heike Kroll, Geschäftsführerin des Verbandes DIE FÜHRUNGSKRÄFTE – DFK, über die Bedeutung dieses Tages in und für Deutschland.

DFK: Beim Tag für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz denkt man doch zunächst an die zum Teil menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in anderen Ländern. Spielt das Thema in einem Land wie Deutschland, in dem Arbeitssicherheit groß geschrieben wird, es ein Arbeitszeitgesetz und eine weitere Reihe von Arbeitnehmerschutzvorschriften gibt, überhaupt eine Rolle?

Kroll: In der Tat könnte man annehmen, dass sich Deutschland nicht unbedingt angesprochen fühlen muss. Das wäre jedoch zu kurz gedacht. In vielen Branchen ist es gängige Praxis, Produktionsstandorte in Schwellenländer zu verlagern oder ganz aufzulösen und Aufträge an Subunternehmer zu vergeben. Deutsche Unternehmen tragen die Verantwortung dafür, dass bei der Herstellung ihrer Produkte – egal wo und durch wen – bestimmte Sicherheitsbestimmungen eingehalten werden und auf die Gesundheit der Beschäftigten geachtet wird.

Unabhängig davon ist das Thema auch für die Arbeitsplatzsituation in Deutschland von Bedeutung. Sicherheitsrichtlinien sind neueren Standards anzupassen, die Verbesserung von unternehmensinternen Kommunikationsstrukturen und die Schaffung eines angenehmen Arbeitsklimas sind seit Jahren erklärte Ziele des Aktionstages.

Gibt es bestimmte Themen aus der Mitgliedschaft, an die Sie spontan beim Stichwort „Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz“ denken müssen?

Neben den psychischen Erkrankungen wie Burn-out, die gerade bei Führungskräften eine größere Rolle spielen, als man vielleicht meint, ist ein aktuelles Thema bei Fach- und Führungskräften sicherlich die Unsitte des Präsentismus.

Präsentismus?

Der Begriff Präsentismus kommt von Präsenz = Anwesenheit. Mit Präsentismus bezeichnen die Arbeitspsychologen und -mediziner das Verhalten von Arbeitnehmern, die trotz Krankheit am Arbeitsplatz sind. Jeder kennt vielleicht den einen oder anderen Kollegen, der sich in den letzten Wochen hustend und schnupfend zur Arbeit geschleppt hat. Eine Krankheit sollte man jedoch zu Hause auskurieren und nicht im Büro.

Dass es der Gesundheit des Betreffenden nicht förderlich ist, wenn er trotz Krankheit zur Arbeit geht, leuchtet unmittelbar ein. Aber der Arbeitgeber dürfte sich doch zumindest hinter vorgehaltener Hand freuen, dass der Mitarbeiter kommt und die Arbeit erledigt wird.

Vielen ist das nicht bewusst, aber die Nachteile eines solchen Verhaltens überwiegen die Vorteile deutlich. Zum einen besteht das Risiko, dass man Kollegen ansteckt, und zum anderen dauert es einfach länger, bis man wieder ganz fit ist. Schlecht auskurierte Krankheiten werden nicht selten über Wochen und Monate ein ständiger Begleiter.

Wer krank ist, arbeitet zudem schlechter und mit einer wesentlich höheren Fehlerquote. Auch das Risiko von Arbeitsunfällen steigt. Im Grunde stellen daher kranke Mitarbeiter am Arbeitsplatz ein nicht zu unterschätzendes Kostenrisiko dar. Studien zufolge sollen die durch Präsentismus verursachten Kosten mindestens doppelt so hoch sein wie die durch die Fehltage auflaufenden Kosten. Kranke gehören daher zu Hause ins Bett.

Man hat manchmal den Eindruck, dass gerade Menschen in leitender Position das nicht einsehen und sich krank zur Arbeit schleppen.

Gerade das ist ein großer Fehler – nicht nur wegen der eigenen Gesundheit. Man sollte nicht vergessen, dass man als Vorgesetzter Vorbild für seine Mitarbeiter ist. Wie will man den Mitarbeitern glaubhaft vermitteln, dass Kranke zu Hause bleiben sollten, man selber krank bei der Arbeit erscheint?

Zudem ist die Anwesenheit im Büro auch völlig unnötig. Im Regelfall ist man als Führungskraft technisch so gut ausgestattet, dass man vieles auch von zu Hause erledigen kann, wenn man es einfach nicht lassen kann.

Stichwort Homeoffice. Was halten Sie von der Idee, dass man Mitarbeiter mit ansteckenden Krankheiten einfach von zu Hause arbeiten lässt, da sie ja nur zu krank sind, um ins Büro zu gehen, aber ansonsten arbeiten könnten.

Ja, das war so eine Diskussion, die aufgrund der Grippewelle Anfang dieses Jahres in der Schweiz hochkam. Man wollte bei der Arbeitsunfähigkeit quasi differenzieren: ganz krank, also zu krank, um überhaupt zu arbeiten, bzw. nur zu krank, ums ins Büro zu gehen (zum Beispiel weil die Krankheit ansteckend ist). Für letztere Fälle war ein reduziertes Homeoffice angedacht.

Die Schweizer Gewerkschaften waren davon wenig begeistert, was einen kaum verwundern dürfte. Abgesehen von der Frage, ob der Arzt überhaupt in der Lage ist zu beurteilen, ob im konkreten Fall die Arbeit auch im Homeoffice erledigt werden kann, werden die Arbeitnehmer bei einer solchen Differenzierung erheblich unter Druck gesetzt und kurieren sich unter Umständen nicht mehr ganz aus.

Aber so ein reduziertes Homeoffice kann doch in manchen Fällen auch sinnvoll sein, oder?

Mitarbeiter, die unbedingt möchten, wird man kaum davon abhalten können, einen Teil ihrer Arbeit trotz Krankheit von zu Hause zu erledigen – insbesondere wenn die technischen Voraussetzungen bereits gegeben sind. Jedoch spielen hier der Freiwilligkeitsaspekt und das Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer eine entscheidende Rolle – jeder direkte oder indirekte Druck seitens des Arbeitgebers ist streng untersagt.

Nicht selten wird man vom Arzt über mehrere Tage krankgeschrieben. Dürfte ich eigentlich trotz laufender Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung wieder arbeiten, wenn ich mich fit fühle?

Ja, natürlich. Entgegen weitläufig verbreiteter Ansicht stellt die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung kein Arbeitsverbot dar, sondern nur eine Prognose des Arztes über den zu erwartenden Krankheitsverlauf. Versicherungsrechtliche Bedenken bestehen ebenfalls nicht. Für die Unfallversicherung ergibt sich das aus §§ 2 Abs. 1 Nr. 1 sowie 8 Abs. 2 SGB II und für die Krankenversicherung aus § 5 Abs. 1 Nr. 1 SGB V.

Manche Unternehmen loben Prämien aus für besonders geringe Krankheitstage. Was halten Sie davon?

So genannte Gesundheitsprämien sind bedenklich. Denn für eine Erkrankung kann man im Regelfall nichts. Mit der Gesundheitsprämie setzen Arbeitgeber meines Erachtens das falsche Zeichen. Denn sie signalisieren dadurch: Liebe Mitarbeiter, es ist wichtig, dass ihr anwesend seid, egal um welchen Preis.

Nichtsdestotrotz sind Gesundheitsprämien im Mittelstand gar nicht so selten. Mit Beginn des Jahres 2017 hatte z. B. auch Daimler eine solche Regelung eingeführt: Wer nie krank ist, bekommt 50 Euro pro Quartal, das er durchhält. Insgesamt waren damit 200 Euro im Jahr zu verdienen.

Wenn man bedenkt, dass man als Führungskraft auch eine Verantwortung für die Gesundheit der Mitarbeiter trägt, gehören solche Regelungen eigentlich abgeschafft.

Wenn Gesundheitsprämien das falsche Mittel sind, was könnte man stattdessen tun, um den Krankenstand möglichst niedrig zu halten?

Statistiken belegen, dass der Krankenstand umso niedriger ist, je besser das Arbeitsklima ist. Die effektivste Maßnahme dürfte daher sein, ein respektvolles und würdevolles Miteinander zu schaffen und insbesondere den Aspekt der Menschlichkeit nicht zu vernachlässigen. Ein zufriedenes und gutes Team unterstützt sich gegenseitig und trägt selber mit Begeisterung Verantwortung für die Aufgaben. Eine gute Führungskraft sollte daher Feuer in den Menschen (für die Sache) entfachen und nicht Feuer unter den Menschen, indem z. B. nichts gegen Mobbing und derartige Unarten am Arbeitsplatz unternommen wird.

 

Bildquelle : © DGB-IndexGuteArbeitKompakt 02/2016