Ethikverband der Deutschen Wirtschaft e.V.

Der Ethikverband der Deutschen Wirtschaft ist ein Verein deutscher Unternehmen und Verbände und wurde 2003 in Frankfurt gegründet. Sein Ziel ist es, laut Satzung, ethisch motivierte unternehmerische Entscheidungen zu fördern. Ethisch einwandfreies Verhalten lohnt sich nach Überzeugung der Expertinnen und Experten vom Ethikverband für Unternehmen langfristig auch in wirtschaftlicher Hinsicht.

Mit der Mitgliedschaft im Ethikverband der Deutschen Wirtschaft (EVW) setzen DIE FÜHRUNGSKRÄFTE - DFK ein wichtiges Signal. Gemeinsam stehen beide Verbände dafür ein, dass sich unternehmerische und ethische Verantwortung nicht widersprechen, sondern einander bedingen.

Beide Verbände haben sich deshalb vorgenommen, nicht nur für das Thema zu sensibilisieren und zu werben, sondern vielmehr auch Standards und Grundregeln für eine Unternehmensethik zu setzen.

www.ethikverband.de

Zweck & Ziele des Verbandes

Der Ethikverband der Deutschen Wirtschaft e.V. ist ein Verband deutscher Unternehmen zur Entwicklung, Implementierung und Förderung ethisch motivierter Entscheidungen bei wirtschaftlichen Handlungen. Der Ethikverband der Deutschen Wirtschaft e.V. führt Symposien durch, implementiert nach Branchen differenzierte Arbeitskreise, stellt Ethikbeiräte für Unternehmen, bringt sich in Form von Workshops und Vorträgen ein und unterstützt Forschungsarbeiten zum Thema Unternehmensethik.

1. Zweck

Die Teilnehmer der Wirtschaft in Deutschland pflegen zumeist und erwarten immer einen fairen und verbindlichen Umgang miteinander. Sie setzen damit die Einhaltung bestimmter Regeln voraus. Es ist eine zentrale Aufgabe der Ethik, diese Regeln bewusst zu machen. Damit können sie auf ihre Praxistauglichkeit hin überprüft werden. Das ist die notwendige Voraussetzung, um diese Regeln schließlich als bindend für alle Teilnehmer einer Gemeinschaft auszuweisen.

Der Ethikverband der Deutschen Wirtschaft e.V. will helfen, diejenigen Regeln des mitmenschlichen Umgangs, die zur nachhaltigen Positionierung eines Unternehmens notwendig sind, noch bewusster werden zu lassen. So wird eine friktionsfreie Schnittstelle zwischen der sozialen Sphäre und Umsetzung der ökonomischen Unternehmensziele sichergestellt.

2. Ziele

  1. Entwicklung, Begleitung und Förderung einer menschlichen Unternehmensphilosophie und Unternehmensethik
  2. Optimierung der Unternehmenskultur
  3. Stärkung der Eigenverantwortung, der Selbständigkeit aller Unternehmensmitglieder
  4. Implementierung von Werteschaffende Grundprinzipien
  5. Begleitung einer verantworteten Güterabwägung durch ethische Normen
  6. Förderung der Zivilcourage und des kreativen Ungehorsams.


3. Erläuterung

Was bedeutet Ethik und insbesondere Wirtschaftsethik?

Ethik ist eine wissenschaftliche Disziplin mittels derer Handlungen, insoweit sie vor dem Anspruch eines hohen zu schützenden Gutes stehen, diese legitimieren oder zurückweisen. Insofern hilft Ethik, eine verantwortungsvolle Güterabwägung vornehmlich in Konfliktfällen vorzunehmen.

Wirtschaftsethik befasst sich mit den Handlungen von Unternehmensmitgliedern und mit der Organisation selbst.  Gerade in der Abwägung eines menschlichem Umgangs miteinander und ökonomischen Zielen ist es geboten, beiden Seiten gerecht zu werden. Menschliches Miteinander unter Vernachlässigung ökonomischer Zielsetzungen oder die Sicherstellung ökonomischer Ziele auf Kosten des sozialen Miteinanders schaden letztendlich beiden Sphären – der sozialen und der ökonomischen. Den scheinbaren Gegensatz zwischen Unternehmensinteressen und sozialen Zielen in der Wirtschaft gilt es aufzuheben.

Wirtschaftsethik ist immer eine Kombination aus individueller Ethik und systemischer Ethik. Unternehmen müssen sich, wenn sie sich langfristig etablieren wollen, sowohl dem Wettbewerb als auch den Marktmechanismen stellen. Unternehmerisches Handeln ist insofern immer auch gewinnorientiert. Mit der Zunahme von Gestaltungsfreiräumen auf der Managementebene in den Unternehmen  spielt das Zusammenwirken der unternehmerischen Vorgaben mit eigenverantwortlichem Handeln eine immer größere Rolle.

Warum gibt es einen Ethikverband der Deutschen Wirtschaft e. V.?

Es gibt bereits einige Einrichtungen, die sich mit dem Thema Ethik auseinander setzen. Diesen Aktivitäten ist jedoch oft eines gemein: Sie verfolgen primär einen wissenschaftlichen oder einen religiösen Ansatz. Daher werden sie in einer Welt, die von Marktmechanismen und dem Versuch, Ethik in eine von dem Erfordernis der Gewinnorientierung geprägt ist, nicht als sinnvoller Impulsgeber wahrgenommen. Darüber hinaus gibt es kein Format, in dem Unternehmer ihre ethischen Belange praxisnah und pragmatisch im Austausch mit Experten und anderen ethisch-interessierten Unternehmern diskutieren können.

Schließen sich wirtschaftliches Handeln und Wirtschaftsethik gegenseitig aus?

In der kritischen Auseinandersetzung mit Unternehmen, deren Zielen und deren Handeln können wir zunächst neutral feststellen: Geld und Produkte sind anerkannte Tauschmedien, die normalerweise Träger öffentlichen Vertrauens sind und Märkte begründen.

Ethik, die sich in einer Unternehmenskultur äußert, ist das einzig kompetente Medium zur Vermittlung zwischen nichtökonomischen und ökonomischen Interessen/Funktionen von Unternehmen bzw. Märkten. Daraus resultiert eine notwendige und sinnvolle Symbiose von wirtschaftlichem Handeln und Wirtschaftsethik.

Wir verkennen nicht, dass ein Unternehmen auch mit einer nicht besonders gut entwickelten Unternehmenskultur lebensfähig und über einen gewissen Zeitraum wirtschaftlich erfolgreich sein kann. Allerdings reduziert sich das Ergebnis auf den rein ökonomischen Erfolg und wird nicht von langer Dauer sein. Insofern ist Wirtschaftsethik als Erfolgsfaktor für funktionierende Unternehmen zu werten.

Wie kann der Ethikverband der Deutschen Wirtschaft e.V. Unternehmen dabei unterstützen, sich wirtschaftsethisch zu orientieren?

Unternehmenskultur kann nur entstehen, indem die Werte, denen sich ein Unternehmen verbunden fühlt, gelebt werden. Werte schaffende Grundprinzipien können nicht verordnet werden. Sie müssen vielmehr im lebendigen Austausch der Menschen wachsen. Eine an Werten orientierte Unternehmenskultur erfordert einen Umgang miteinander, im Rahmen dessen sich die Menschen als Menschen erleben. Das gelingt durch partnerschaftliche, faire Interaktion. Sobald neben den ökonomischen Erfordernissen in einem Unternehmen die außerökonomischen Aspekte verantwortlich berücksichtigt werden, optimiert sich bereits Unternehmenskultur. Gerne unterstützt der Ethikverband der Deutschen Wirtschaft e.V. seine Mitglieder dabei, unternehmensspezifisch Werte zu entwickeln und bei der Implementierung zu helfen.

Quelle: http://www.ethikverband.de/der-verband/zweck-ziele

Der Ethikverband der Deutschen Wirtschaft e.V. hat als Grundlagenpapier Handlungsregeln für unternehmerisch handelnde Personen und Unternehmen als Organisation aufgestellt.

Persönliche Grundsätze

  1. Ich handle und entscheide so, dass meine Entwicklungsmöglichkeiten und auch die von anderen zunehmen.
  2. Ich respektiere Würde und Freiheit meiner Mitarbeiter.
  3. Ich übernehme für die vorhersehbaren und überschaubaren Folgen meines Handelns die alleinige Verantwortung.
  4. Ich handle und entscheide so, dass das Vertrauen in meine Handlungen und Entscheidungen gefestigt wird.
  5. Ich handle und entscheide so, dass alle Beteiligten niemals nur Mittel sondern jederzeit auch Ziel meines Handelns sind.
  6. Ich zwinge niemanden, gegen sein verantwortet übernommenes ethisches und/oder sittliches Gewissen zu handeln.
  7. Ich handle und entscheide so, dass die Interessen aller Beteiligten berücksichtigt und in verantworteter Güterabwägung gegeneinander abgewogen werden.
  8. Ich bemühe mich darum, dass meine Entscheidungen von allen Beteiligten verstanden werden.
  9. Ich handle und entscheide so, dass das Erreichen von Unternehmenszielen und sozial-verträglichem Miteinander in Einklang stehen können.

Unternehmerische Grundsätze

  1. Wir handeln und entscheiden so, dass bei jedem unserer internen und externen Partner die Bereitschaft zu selbständigem und selbstverantwortlichem Handeln gefördert wird.
  2. Wir handeln und entscheiden so, dass die Identifikation mit dem Unternehmen unterstützt wird.
  3. Wir gehen mit unseren externen und internen Partnern so um, dass das Vertrauen in unser unternehmerisches Handeln gefestigt und gefördert wird.
  4. Wir handeln und entscheiden gewinnorientiert so, dass der langfristige Unternehmensbestand sicher gestellt ist.
  5. Wir erwarten von jedem Mitarbeiter eine verantwortungsbewusste Erfolgsorientierung und unterstützen diese.
  6. Wir handeln und entscheiden so, dass Mitarbeiter/Kunden/Lieferanten/Anteilseigner und Öffentlichkeit sich informieren und die sie betreffenden Entscheidungen verstehen können.
  7. Wir berücksichtigen bei konkurrierenden Interessen die Folgen für alle Beteiligten.
  8. Wir pflegen und fördern einen ökologisch sinnvollen Umgang mit Ressourcen.
  9. Wir fördern, unterstützen und belohnen die Entwicklung der Primärtugenden unserer Mitarbeiter, wie z.B.: Zivilcourage, kreativer Ungehorsam, Konfliktfähigkeit und kritische Gerechtigkeit.

Quelle: http://www.ethikverband.de/der-verband/kodex

 

Bildquelle: Fotolia, © XtravaganT

Dr. Irina Kummert, Präsidentin Ethikverband der Deutschen Wirtschaft

Interview mit Dr. Irina Kummert, Präsidentin Ethikverband der Deutschen Wirtschaft e.V.

Ethik in der Wirtschaft: ein Schönwetterthema?

Nach meiner Auffassung sind Ökonomie und Moral zwei Seiten ein und derselben Medaille – und das gerade nicht im Sinne einer kosmetischen Maßnahme. Es ist durchaus möglich, auch ohne die Berücksichtigung ethischer Grundsätze, quasi moralfrei, Geschäfte zu machen. Allerdings wird das nicht sehr lange funktionieren, weil nachhaltiges Wirtschaften insbesondere auf einem fairen Umgang mit den Geschäftspartnern und den Mitarbeitern basiert. Nur dann, wenn die Berücksichtigung ethisch-moralischer Grundsätze fester Bestandteil des Geschäftsmodells eines Unternehmens ist, wird es sich langfristig erfolgreich positionieren können. Jede auf Dauer angelegte Geschäftsbeziehung, unabhängig davon, ob es sich um eine unternehmensinterne oder eine externe Verbindung handelt, basiert auf dem Wunsch aller Beteiligten, fair behandelt zu werden. In Krisenzeiten zeigt sich die hohe Relevanz ethisch motivierter Entscheidungen besonders deutlich. Nehmen wir das Phänomen der Gerechtigkeit. Gerechtigkeit spielt in allen Bereichen menschlicher Interaktion eine Rolle – besonders dann, wenn ein Gut knapp, eine Ressource limitiert ist und unterschiedliche Interessen, Ansprüche und Pflichten der beteiligten Parteien zu berücksichtigen sind. Da es leicht ist, großzügig zu sein, wenn man es sich leisten kann, neigt eher der Unterlegene dazu, auf Gerechtigkeit zu pochen, als der Privilegierte, weil der Unterlegene der Auffassung ist, nur gewinnen zu können.Wenn eine Führungskraft Mitarbeiter entlassen muss, um das Gesamtunternehmen aufrecht zu erhalten und zu schützen, kann das insofern gerecht sein, wird aber von den betroffenen Mitarbeitern nicht selten als ungerecht empfunden. In derartigen Situationen zeigt sich, dass die aus Richtung des eigenen Handels an moralischen Prinzipien gerade kein Schönwetterthema, sondern eine manchmal schmerzhafte, immer aber lohnende Investition ist, um als Führungskraft glaubwürdig zu sein.

Wenn Ethik sich für die Unternehmen lohnt, warum braucht es dann noch einen Ethikverband der Deutschen Wirtschaft?

Bestimmte ethische Grundlagen ergeben sich nicht per se aus ökonomischen Zusammenhängen. Infolge dieser Erkenntnis wurde 2003 der Ethikverband der Deutschen Wirtschaft e.V. von namhaften Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Wissenschaft gegründet – unser Ehrenpräsident und Gründungsmitglied ist Prof. Dr. Rupert Lay S.J. Der Verband versteht sich als Möglichkeit, sich durch einen aktiven Austausch mit wissenschaftlichen Experten und anderen Unternehmern intensiv in das Zusammenwirken von Ethik und Wirtschaft einzubringen. Er bietet insbesondere Führungskräften eine Plattform, durch die verantwortliches Handeln kritisch reflektiert und begleitet wird. Wir wollen uns künftig unter anderem vermehrt in der öffentlichen Debatte um Ethik und Moral an der Schnittstelle zu ökonomischem Gewinnstreben zu Wort melden. Insbesondere die Mechanismen der Ethik sollen dabei transparent gemacht werden: Was kann eigentlich hinter den Kulissen alles passieren, was kann intendiert sein, wenn vorn Ethik und Moral gepredigt wird? Emotional aufgeladene Begriffe wie Gleichheit und Gerechtigkeit können in der öffentlichen Debatte leicht zum Beispiel von Politikern zur Verschleierung von Eigeninteressen missbraucht Dr. Irina Kummert, Präsidentin Ethikverband der Deutschen Wirtschaft werden – etwa um die eigene Person wählerwirksam in ein besseres Licht zu stellen. Das neue Präsidium des Ethikverbandes der Deutschen Wirtschaft e.V. hat erst kürzlich seine Arbeit aufgenommen und hat viele Pläne. So wollen wir uns bei der Entwicklung und Einführung eines wissenschaftlich fundierten Ethik-Ratings für Unternehmen engagieren, einen Ethik-Award ausschreiben sowie hochkarätig besetzte Workshops, Vorträge und Kolloquien anbieten. Da wir festgestellt haben, dass in vielen Unternehmen das Bewusstsein dafür da ist, sich ethisch verfassen zu wollen, aber vielfach die Werkzeuge zur Umsetzung fehlen, sind wir beispielsweise gerade dabei, ein Verfahren zu konzipieren, wie Unternehmen gemeinsam mit ihren Führungskräften einen auf das jeweilige Unternehmen und sein Geschäftsmodell zugeschnittenen Wertekodex entwickeln können, der von jedem Mitarbeiter auf jeder Hierarchieebene mitgetragen und vor allem auch gelebt wird. Das funktioniert nach meiner Einschätzung nur, wenn ein erkennbarer Nutzen für die Menschen gegeben ist, von denen erwartet wird, dass sie sich nach einem Wertekodex verhalten. Ich bin kein Verfechter der Theorie, dass nur das moralisch gut ist, was aus einer bestimmten moralischen Gesinnung heraus getan wird, und automatisch das unmoralisch ist, was den Menschen gleichzeitig nutzt. Das eigene Handeln immer wieder auf die Einhaltung moralischer Grundsätze hin zu überprüfen hat viele Vorteile – übrigens lässt sich der Mehrwert für Unternehmen und Führungskräfte durchaus auch ökonomisch beziffern.

Apropos Moral und Vorteil – sehen Sie einen Widerspruch zwischen Gewinnstreben und Moral?

Nein, nicht notwendigerweise. Der Ökonom Milton Friedman beteiligte sich 1970 an einer Diskussion um die soziale Verantwortung von Unternehmen und veröffentlichte einen Beitrag in der New York Times mit der damals provozierenden Überschrift: „Die soziale Verantwortung von Unternehmen ist die Steigerung ihrer Gewinne.“ Fakt ist: Ohne Gewinnerzielung ist der Fortbestand eines Unternehmens nicht zu sichern. Der Ethikverband der Deutschen Wirtschaft e.V. wendet sich ausdrücklich gegen die Position, dass der Wunsch, ökonomisch zu maximieren, per se unethisch ist. Gewinn ist nicht nur der Lohn für die Übernahme von unternehmerischem Risiko, vielmehr hat er insofern eine soziale Komponente, als es ohne unternehmerischen Gewinn keine Arbeitsplätze gäbe und es auch nicht möglich wäre, Sozialleistungen bereitzustellen. Ich sehe dann einen Widerspruch zwischen Gewinnstreben und Moral, wenn der Gewinn ausschließlich zum eigenen Wohl maximiert werden soll und/oder Mitarbeiter zum eigenen Vorteil ausgebeutet werden. Ein faires Geschäftsgebaren muss die Grundlage der Gewinnerzielung bilden.

Sie vertreten den „Ethikverband der Deutschen Wirtschaft“. Viele deutsche Unternehmen sind global aufgestellt oder unterhalten internationale Geschäftsbeziehungen und werden mit von unserem Wertesystem abweichenden Moralvorstellungen konfrontiert. Wie beurteilen Sie dieses Spannungsfeld?

Im Rahmen meiner Dissertation zum Thema Ethik und Moral am Kapitalmarkt habe ich 2012 eine empirische Untersuchung durchgeführt und 38 prominente professionelle Kapitalmarktakteure, darunter Vorstände von Banken und Geschäftsleiter von Kapitalanlagegesellschaften in Deutschland, zu deren Ethikverständnis befragt. Eine meiner Fragen lautete, wie es zu bewerten sei, dass der Kapitalmarkt global aufgestellt ist und in ihm Akteure tätig sind, die jeweils aus unterschiedlichen Kulturen mit unterschiedlichen, zum Teil konfligierenden Wertesystemen kommen. Bei meinen Gesprächspartnern dominierte die Auffassung, dass es nahezu unmöglich sei, an einem global und kulturell heterogen aufgestellten Kapitalmarkt zu einheitlichen ethischen Standards der Akteure zu kommen. Das gilt meiner Meinung nach nicht nur für das Kapitalmarktgeschäft, sondern für alle international agierenden Unternehmen und deren Repräsentanten. Rechtssysteme sind kodifizierte Moral. Moralvorstellungen wiederum sind abhängig vom gesellschaftlichen Kontext, und die jeweils geltenden ethisch-moralischen Standards finden insofern Eingang in die Rechtssysteme, als abweichendes Verhalten sanktioniert wird. Klar ist: In einem Kulturkreis wie Indien oder China gelten andere Regeln des Miteinanders als in Europa. Teilweise ist es sogar so, dass es in einigen Kulturkreisen unserem Wertesystem regelrecht widersprechende Wertvorstellungen gibt – wir stecken Diebe ins Gefängnis und verzichten darauf, sie körperlich für ihr Vergehen zu zeichnen. Im Rahmen meiner Studie hielt die Mehrzahl meiner Gesprächspartner globale ethische Standards nicht nur für nicht möglich, sondern auch nicht für erforderlich. Vielmehr war die Auffassung erkennbar, dass es trotz unterschiedlicher moralischer Referenzsysteme möglich sei, funktionierende Geschäftsbeziehungen zu unterhalten und automatisch ein einheitliches Wertesystem zum tragen kommt, wenn man von den Aktivitäten Abstand nimmt, die unter die Rubrik „So etwas macht man einfach nicht“ fallen, oder sich fragt, ob man mit einer bestimmten Handlungsweise in der Presse zitiert werden möchte. Dieser Auffassung schließe ich mich an.

Gibt es so etwas wie eine „goldene Regel“ für ethisch korrektes unternehmerisches Handeln?

Es gibt die sogenannte goldene Regel, die auf Konfuzius zurückgeht und keine moralische Norm, sondern so etwas wie einen moralischen Minimalkonsens darstellt. Die Regel lautet: „Was du selbst nicht wünschst, das tue auch anderen nicht an“. Die Befolgung der goldenen Regel lässt allerdings keine Aussage darüber zu, ob eine bestimmte Verhaltensweise ethisch-moralisch geltenden Normen entspricht oder nicht. Vielmehr wird im Umgang miteinander der Blickwinkel des jeweils anderen eingenommen und daraufhin das eigene Handeln dahingehend überprüft, ob die eigene Handlung fair oder sinnstiftend ist. Da es durchaus unterschiedliche Vorstellungen davon geben kann, was fair ist und was nicht, kommen wir bei der Anwendung der goldenen Regel recht schnell an gewisse Grenzen. Immanuel Kant entfaltete 1785 seinen kategorischen Imperativ. Dessen erste Formulierung appelliert wie die goldene Regel an die autonome Entscheidungsfreiheit des Einzelnen: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Damit ersetzte Kant die Prüfung, ob man sich das beabsichtigte eigene Handeln als davon Betroffener wünschen würde, durch die Prüfung, ob man sich das eigene Wollen als Gesetz für alle vernünftig vorstellen könne. Er verlangte also, bei moralischen Entscheidungen von zufälligen Umständen und individuellen Interessen abzusehen und diese rational einsichtigen allgemeingültigen Gesetzen unterzuordnen. Meiner persönlichen Aufassung nach ist das ein bisschen viel verlangt und setzt ein Idealbild eines Menschen voraus, dem nur sehr wenige entsprechen. Realistischer, in Relation zur goldenen Regel konkreter und damit schon eine recht gute Orientierungshilfe ist das von der 1517 gegründeten Versammlung eines ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg e.V., formulierte Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns. Danach zeichnet sich ein ehrbarer Kaufmann im Wesentlichen dadurch aus, dass er Vorbildfunktion übernimmt, sich Treu und Glauben verpflichtet fühlt, auf die berechtigten Interessen anderer Rücksicht nimmt und einen redlichen Umgang im Geschäftsverkehr pflegt. Zentral ist dabei, dass nicht alles, was rechtlich zulässig ist, auch als ehrbar eingestuft wird. Das Ermessen des Einzelnen macht hier den Unterschied.

Was können Führungskräfte konkret zu mehr Moral und Nachhaltigkeit in der Wirtschaft beitragen?

Das ist ein weites Feld. Ich möchte beispielhaft einen Aspekt herausgreifen, den ich für besonders wichtig halte. Unternehmen sind unter ethischen Gesichtspunkten zunächst neutral. Eine moralische Komponente fließt erst durch konkrete Handlungen einzelner Personen ein. Wir leben in einer Zeit, in der aus einer Kapitalmarktkrise eine Wirtschaftskrise, ja sogar eine Kapitalismuskrise geworden ist und in der ganze Volkswirtschaften vor dem ökonomischen Aus stehen. Mit dem Wandel der ökonomischen Realität haben sich auch die Parameter dafür verändert, welche Menschen ein Unternehmen verpflichten sollte. Die Auswahl von Personal setzt sowohl nach innen ins Unternehmen wie nach außen in die Gesellschaft Signale. In Anbetracht der aktuellen ökonomischen und gesellschaftlichen Herausforderungen ist es meiner Ansicht nach eine herausgehobene Aufgabe von Führungskräften zu entscheiden, welche Einflüsse wirken und welche Signale vermittelt werden sollen. Aus diesem Zusammenhang konstituiert sich schon bei der Personalauswahl ein hohes Maß an sozialer Verantwortung auf Seiten der Unternehmensvertreter. Im Sinne einer langfristig erfolgreichen Positionierung eines Unternehmens und dessen gesamtgesellschaftlicher Verantwortung muss die ethische Verfasstheit von Bewerbern insbesondere auf Top-Managementebene deutlich stärker berücksichtigt werden, als das bislang der Fall ist. Jenseits meines Ehrenamtes als Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft e.V. berate ich seit 17 Jahren Unternehmen bei der Rekrutierung von Personal und habe spezifische Methoden entwickelt, die es ermöglichen, zu einer Personalauswahl zu kommen, welche die Passung eines Bewerbers zum Unternehmen maßgeblich berücksichtigt.

Wie kann der Ethikverband der Deutschen Wirtschaft e.V. Führungskräften dabei helfen, zu mehr Klarheit bezüglich dessen zu kommen, was Ethik und Moral konkret bedeuten?

Ethik und Moral unterliegen in hohem Maße einer individuellen Disposition. Damit gibt es faktisch eine Vielzahl von Ethiken, was wiederum die Beurteilung von Handlungen unter ethisch-moralischen Gesichtspunkten erschwert. Es ist nicht selten, dass verschiedene Moralen innerhalb einer Gesellschaft konfligieren. Die Feststellung, dass es unterschiedliche Konzepte von Ethik und Moral gibt, geht häufig mit Orientierungslosigkeit einher, weil nicht mehr klar zu sagen ist, welche Ethik die akzeptierte und geltende Konzeption ist und wer das mit welcher Begründung entscheidet. Wenn in einer Gruppe fünf Personen versuchen zu definieren, was Gerechtigkeit konkret bedeutet, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass jeder etwas anderes sagt. Hier wollen wir helfen, indem wir anhand konkreter Situationen, die sich an der unternehmerischen Realität orientieren, diejenigen Regeln des mitmenschlichen Umgangs, die zur nachhaltigen Positionierung eines Unternehmens notwendig sind, noch bewusster werden lassen. Letztlich ist es die Hauptaufgabe von Ethik und Moral, Schaden von unserer Gesellschaft abzuwenden. Ich finde, das ist ein lohnenswertes Ziel.


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