Wertefundament in Zeiten der Digitalisierung Schwerpunkt Führung & Ethik

Prof. Dr. Utho Creusen
Abb. 1 Der Führungswürfel „Synercube“

von Prof. Dr. Utho Creusen und Christiane von der Heiden

Die Digitalisierung weitet sich aus und durchdringt alle Bereiche des Lebens, vor allem aber die Arbeitswelt und damit die Wertefundamente der Unternehmen. Digitalisierung und das Internet der Dinge sind Themen, die alle Unternehmen betreffen, unabhängig von Größe, Branche oder Geschäftsmodell. Alle Branchen, von Produktionsbetrieben über den Handel bis hin zu Gesundheitswesen und Dienstleistung, können die Herausforderungen annehmen und darauf reagieren, die sich so ergebenden Chancen nutzen und sich aktiv verändern. Diese Veränderung setzt voraus, dass die Unternehmen und alle im Unternehmen tätigen Mitarbeiter sich dieser veränderten Situation stellen und wandlungsbereit sind oder werden. Das ermöglicht eine gesunde Unternehmenskultur.

Die Frage, die sich Unternehmen und besonders die Unternehmensleitungen stellen müssen, ist, wie sie die durch die mehr und mehr vernetzte Welt neu generierten Werte, Normen und Ansprüche in die eigene Unternehmenskultur überführen und ihr Wertefundament erhalten bzw. entwickeln können?

Durch die Digitalisierung erleben wir einen grundlegenden Paradigmenwechsel, dem es gilt Rechnung zu tragen. Unternehmen müssen in der Lage sein, mit ihrem Top-Management und den Mitarbeitern dem wirtschaftlichen, politischen und sozialen Umfeld gerecht zu werden. Das gelingt jedoch nur mithilfe zweier klarer Prioritäten:

  1. die Optimierung der inneren Prozesse und Strukturen und
  2. die Anpassung des Unternehmens an das Umfeld.

Die Optimierung der inneren Prozesse und Strukturen muss dabei an erster Stelle stehen. Hier werden die internen Konflikte überwunden und das Unternehmen zu einer integrierten, zielgerichteten Gemeinschaft entwickelt. Erst dann ist es in der Lage, sich an das Umfeld anzupassen. Ein Fundament klarer Werte als Kompass für das tägliche Handeln ist dabei essenziell.

Anpassung an das Umfeld bedeutet, den neuen Werten, die sich aus der Netzwerkgesellschaft entwickelt haben, innerhalb des Unternehmens Rechnung zu tragen. Diese Werte bilden das Rückgrat des notwendigen Wandels. Zu den aus der Digitalisierung entstandenen, heute relevanten Werten gehören offene Kommunikation, Transparenz, Flow, Partizipation, Kundenorientierung, Authentizität, Empathie, Heterogenität und Agilität.

Das bedeutet nicht, dass die Unternehmen ihre eigenen bestehenden und etablierten Werte über Bord werfen sollen. Besonders die Unternehmensleitung muss das Unternehmen als Ganzes dazu befähigen, nicht gegen diese für die Gesellschaft gültigen Werte, Normen und ethischen Grundsätze zu verstoßen. Es geht also vielmehr darum, die Kultur des Unternehmens dem digitalen Umfeld zu öffnen, die Digitalisierung in die Unternehmenskultur aufzunehmen und so im Unternehmen zu verankern.

Hierfür ist ein visionäres Führungsverhalten nötig. Die durch oder gerade wegen der Digi­talisierung immer neuen wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen, sich ­immer schneller entwickelnden und verändernden Technologien und die starke Konkurrenz im Markt sind Faktoren, die das Führungsverhalten stark beeinflussen.

Synercube – ein Handlungsrahmen für ethische Führung

Die Herausforderung für Führungskräfte, die im Denken von Leistung und Kontrolle erzogen und aufgewachsen sind, ist groß. Führungskräfte, die schon länger partizipativ und kooperativ führen, tun sich leichter, eine Unternehmenskultur zu schaffen, die transparent ist, die offene Kommunikation fördert, die authentisch ist und von Empathie, Flexibilität und Heterogenität geprägt ist.

Wir müssen davon ausgehen, dass weder bei Unternehmern oder Führungskräften noch bei Mitarbeitern die Annahmen, Grundeinstellungen und Werte auf breiter Basis für die gewaltigen Veränderungen, die durch die Digitalisierung auf uns zukommen, vorhanden sind. Wollen wir die Chancen der Digitalisierung aber für uns nutzen, ist es erforderlich und möglich, die Organisationen und vor allem die Menschen in den Organisationen darauf auszurichten.

Die von Zankovsky entwickelte Theorie des Synercube befähigt durch einen strukturierten Veränderungsprozess die Menschen top-down zu diesen notwendigen Veränderungen. Das wissenschaftlich fundierte Synercube-Konzept bietet die Möglichkeit, auf Basis einer theoretisch solide begründeten Methode die Verhaltensweisen zu definieren, die Leistungsfähigkeit einschränken oder stärken, immer unter Berücksichtigung der heute und zukünftig geltenden Standards und Ansprüche. Das ist nur über die Integration der Werte- und Kulturorientierung in die bisher bekannten zweidimensionalen Führungsmodelle möglich. So wird der Fokus auch auf das kulturelle Umfeld der Führungskraft, Mitarbeiter und des gesamten Unternehmens gelegt.

Auch in Zukunft wird ein wesentliches Unternehmensziel die Optimierung der Ergebnisse im Sinne des Unternehmens, d. h. unter Einhaltung der angestrebten Unternehmenswerte, sein. Das gelingt durch die Überwindung grundlegender, interner und externer Konflikte in Unternehmen, wie z. B.:

  • Organisationsziel vs. Individualziel
  • „Work-Life-Balance“
  • Streben nach Gewinn vs. Streben nach ethischen Normen
  • Unternehmenswerte vs. persönliche Werte
  • Zukunftsorientierung vs. Vergangenheitsorientierung

Für eine erfolgreiche Lösung dieser Aufgaben ist ein effektives Zusammenwirken zwischen Top-Management, Mitarbeitern und Unternehmensumfeld unabdingbar. Effektives Zusammenwirken entsteht erst durch die Überwindung dieser Konflikte und Widersprüche. Will ein Unternehmen also die Kontrolle über unausweichliche Entwicklungen und Veränderungen – die Digitalisierung – behalten, muss es akzeptieren, dass jedes Unternehmen ein System dieser und weiterer kontinuierlicher Widersprüche ist.

Grundlegend dabei ist die Gegenwirkung zwischen Organisations- und Individualziel. Nur durch die Integration der unterschiedlichen Ziele kann ein Unternehmen langfristig im Rahmen der Unternehmenswerte erfolgreich werden.

Synercube zielt auf Grundeinstellungen und Verhaltensweisen der Führungskräfte und Mitarbeiter ab. Unterschiedliche Verhaltensweisen, ausgerichtet auf die persönliche Ergebnis- und Menschenorientierung, können abgebildet werden. Jede Verhaltensweise kann eine mehr auf sich selbst oder auf das Unternehmen bezogene Werteorientierung haben.

Mit 7.7+ Verhalten ist ein Unternehmen in der Lage, die Chancen, die die Digitalisierung mit sich bringt, erkennen und nutzen zu können. Hohe Leistungs- und Menschen­orientierung bei gleichzeitigem Fokus auf die Einhaltung der Unternehmenswerte bilden den Handlungsrahmen. Traditionen, Normen und Standards, erreichte Ergebnisse werden hinterfragt mit dem Ziel, das Unternehmen langfristig erfolgreich zu machen. Notwendige Veränderungen, Entwicklungen am Markt, in Politik oder Gesellschaft werden frühzeitig erkennbar. 7.7+ hilft den Betroffenen zu partizipieren. Commitment, Engagement und die eigene Identifikation mit dem Unternehmen steigen. Kommunikation ist präzise und enthält Commitment und Werte. Enthusiasmus, Selbstvertrauen und Zusammenhalt im Team sind typische Eigenschaften. Ideen, Anregungen, Zweifel, Ängste werden zeitnah geäußert und angehört. Werte, die diesem Verhalten u. a. zugrunde liegen, sind:

Vertrauen

Vertrauen bildet die Basis für gute Zusammenarbeit in der Gegenwart und zukünftig. Vertrauen in die eigene Leistung, die der anderen und die des Unternehmens besteht.

Gerechtigkeit

Motivation und erreichte Ergebnisse hängen zusammen. Eindeutige Kriterien helfen dabei, dass auch das Ansprechen von Fehlern und Minderleistungen als fair und gerecht empfunden wird.

Ehrlichkeit

Transparenz, Ehrlichkeit und Offenheit sind die Basis für Vertrauen und effektive Zusammenarbeit. Sie unterstützen bei der klaren Zielsetzung, Prozessplanung, Arbeitsorganisation und Ergebnismessung.

Commitment

Commitment ergibt sich aus den klaren und vernünftigen Unternehmenszielen und dem Bewusstsein, welchen Beitrag man zur Erreichung leisten kann.

Soziale Verantwortung

Verantwortung für Mitarbeiter, Kunden- und Lieferantenbeziehungen, Umwelt und Nachhaltigkeit zu tragen, ist Teil der Unternehmenskultur. Orientierung daran und vorbildliches Verhalten bestehen.

Für Führungskräfte kommt ein weiterer wichtiger Faktor hinzu, der Umgang mit Macht. Das Verständnis von Macht nach 7.7+:

Bestrafung

Bestrafung ist die gerechtfertigte Konsequenz für Handlungen, die den allgemeinen Standards wiederholt widersprechen oder Verluste für das Unternehmen mit sich bringen. Bestrafung äußert sich in angemessener Form und folgt klaren, im Vorfeld definierten Kriterien.

Belohnung

Belohnung ist die Anerkennung von pünktlicher und gut gemachter Arbeit und ist an vorher formulierte Kriterien geknüpft. Sie aktiviert das Erreichen hoher Ergebnisse und beinhaltet alle Formen der immateriellen Belohnung. Sie ist nicht auf Mittelmaß bezogen.

Position

Die eigene Position wird nicht hervorgehoben. Der Fokus liegt auf partnerschaftlichen Beziehungen. Professionalität, Begeisterung und aktives Positionieren spielen eine Schlüsselrolle. Die eigene Position dient der Repräsentanz.

Information

Informationen dienen dazu, eine Kultur von Offenheit und Transparenz zu schaffen. Informationen werden aktiv ausgetauscht. Unternehmensereignisse werden offen und zeitnah kommuniziert und Informationslücken geschlossen.

Kompetenz

Als kompetenter Partner steht man als Ansprechpartner zur Verfügung. Die Professionalität eines jeden Mitarbeiters wird geschätzt. Auf persönliche Vorteile durch Expertentum wird verzichtet.

Ausstrahlung

Selbstbewusstes, bescheidenes und überzeugungsfähiges Auftreten prägen die eigene Ausstrahlung. Die Handlungen sind konsequent und konsistent. Die geschaffene Atmosphäre ist optimistisch und positiv. Die Ideen, Werte und Ziele werden von den Beteiligten geteilt.

Das Synercube-Konzept ermöglicht die Betrachtung der Beziehungsqualität auf individueller, gruppenbezogener und betrieblicher Ebene. Jeder der Stile stellt ein prägnantes, charakteristisches Führungsverhalten dar, das den Umgang mit und die Öffnung für die Digitalisierung unterschiedlich intensiv ermöglicht oder behindert.

Die Frage „Was ist richtig?“ steht im Zentrum. Synercube schafft einen Rahmen für die Umsetzung von Veränderungen, da es eine Methode anbietet, effektives und ineffektives Verhalten zu definieren. Das Synercube-Konzept dient als Wegweiser zur Erreichung gegenseitigen Verständnisses, wodurch die Verbundenheit zum Unternehmen gefördert und zielorientierte Zusammenarbeit realisiert wird.

Kontakt: www.positive-leadership.de

Prof. Dr. Utho Creusen ist Volkswirt, Soziologe und Sozialpsychologe. Er verfügt über 30 Jahre Führungserfahrung in verschiedenen Vorstands- und Geschäftsführungspositionen. Als Chairman der Berlin School of Digital Business setzt er sich zudem intensiv mit der Gestaltung der digitalen Transformation und Digital Leadership auseinander.

Christiane von der Heiden ist Expertin in der Unterstützung bei Führungs- und Teamentwicklungsprozessen in Unternehmen. Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Europäisches Management hatte sie verschiedene Positionen in Vertrieb und Marketing eines Consumer Goods Produzenten inne.


Bildquellen: © Utho Creusen

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