Lust auf Verantwortung machen

Boris Grundl
Menschen können, aber wollen nicht so gerne Verantwortung übernehmen

von Boris Grundl

Wie geht Deutschland mit Verantwortung um? Warum verbinden wir das Thema eher mit Last als mit Lust? Welchen Schwerpunkt legen Führungskräfte auf dieses Thema? Antworten liefert ab sofort und regelmäßig der Verantwortungsindex der Grundl Leadership Akademie. Dank dieser repräsentativen Befragung bietet die Plattform zum ersten Mal ein klares Abbild: So verstehen, bewerten und leben die Deutschen im Allgemeinen und Führungskräfte im Speziellen das Thema Verantwortung – mit erhellenden Ergebnissen.

Jeder fordert Verantwortung. Von Führungskräften, von Politikern, Medien, Eltern, Lehrern, Mitarbeitern, Vorständen, Kollegen, Nachbarn ... Kaum ein Thema durchdringt Wirtschaft und Gesellschaft so sehr, ist aber gleichermaßen so diffus in der Definition. Dabei haben mich meine 20 Jahre Berufserfahrung zum Thema Weiterbildung gelehrt: Verantwortung ist der Kern menschlicher Entwicklung. Und damit der Entwicklung von Unternehmen und Gesellschaft. Der Begriff Verantwortung wird im menschlichen Miteinander intuitiv und zugleich undifferenziert verwendet. Doch Verantwortung wird je nach Disziplin und Kontext verschieden betrachtet. Die Philosophen fragen: Welche Bedingungen verpflichten und befähigen zur Verantwortung? Die Psychologie erforscht den freien Willen und nennt ihn Handlungskon­trolle. Sie interessiert das richtige Verhalten und die Grundlagen der Wahl. Trotz seiner Wichtigkeit bleibt das, was Wissenschaftler denken, oft theoretisch. Mich fasziniert vor allem, was Menschen daraus machen.

Wie gehen Mitarbeiter oder Führungskräfte mit Verantwortung um? Ist es ein Aspekt, der mit Freude und Sinn oder eher mit Schwere und Pflichtgefühl verbunden wird? Was die meisten denken, liegt auf der Hand. Denken wir einmal weiter. Jemand sagt: „Das lag in Ihrer Verantwortung!“ Geht es hier eher um ein Gelingen oder Misslingen? Auch hier ist die Antwort klar. Leider.

Verantwortungsindex – den aktuellen gesellschaftlichen Stand wissenschaftlich messen

Die Übernahme von Verantwortung kann aktiv oder passiv erfolgen. Einer geht aktiv auf sie zu, trägt sie und liefert Ergebnisse. Ein anderer bleibt passiv, bis er aufgefordert wird. Während der eine Verantwortung übernehmen will, wird der andere dazu getrieben. Wenn wir uns die Gesellschaft als Motor vorstellen, so ist die Wirtschaft ihr Getriebe, Verantwortung der Treibstoff und Vertrauen das Getriebeöl. Die enorme Bedeutung dieser Erkenntnis hat uns in der Grundl Leadership Akademie dazu bewogen, mit kompetenten Partnern den Verantwortungsindex ins Leben zu rufen. Diese repräsentative Erhebung soll regelmäßig den aktuellen gesellschaftlichen Stand zum Thema wissenschaftlich messen und abbilden. Ihre Ergebnisse sollen im besten Fall eine Diskussion anstoßen. Das Ziel: Verantwortung positiver zu belegen und ihre Qualität in Deutschland zu erhöhen. Oder kurz: „Lust auf Verantwortung“ machen.

Denn Verantwortung lohnt sich. Wer bewusst sein passendes Maß an Verantwortung übernimmt, zeigt sich. Wer sich zeigt, erhält Rückmeldungen vom Leben. Mit jeder Anstrengung wird ihm klarer, wo er hingehört und wo nicht. Im ständigen Wechsel von Reflexion und Handeln kommt ein Mensch seinem wahren Kern immer näher – und damit der Person, als die er gemeint worden ist.

1.002 verwertbare Rückmeldungen – Wissenschaftliche Tatsachen

Die erste Stichprobe zum Verantwortungsindex erfolgte deutschlandweit per Online-Befragung. 3.000 Personen, repräsentativ nach Alter, Geschlecht und Bundesland, haben wir zu Verantwortung befragt. Mehr als 1.000 auswertbare Rückmeldungen liegen vor. Die Untersuchung liefert nun erste wissenschaftlich fundierte Tatsachen. Mit spannenden Ergebnissen.

Erste Nachricht: Grundsätzlich ist die Fähigkeit zur Verantwortung bei vielen sehr hoch. Die meisten sind also theoretisch in der Lage, Verantwortung zu erkennen, richtig einzuschätzen und zu übernehmen. Das Interessante dabei: Es fehlt die Aufmerksamkeit darauf. Das heißt: Menschen können, aber wollen nicht so gerne Verantwortung übernehmen. Dieses Verhalten ist leicht erklärt und liegt größtenteils an unserer Fehlerkultur.

Steht beispielsweise eine Entscheidung an, die Arbeitsplätze gefährden könnte, soll jemand über G8 oder G9 entscheiden oder den abstürzenden Fußballverein retten, besteht immer die Gefahr des Misslingens. Scheitert das Vorhaben oder sind die Ergebnisse nicht wie gewünscht, folgt oft die Ohrfeige. „Das war in deiner Verantwortung! Du bist schuld! Du wirst abgemahnt.“ Die Folge: Verantwortung wird von vornherein lieber vermieden. „Ich bin doch nicht der Dumme, der sich ins Zeug legt, um hinterher die Schelle zu ernten.“ Was lehrt uns das? Mut zur Verantwortung wächst durch mehr Resp­ekt vor ihr. Und durch einen reflektierten Umgang mit Fehlern. Wenn Sie der Meinung sind, wir hätten diese oberflächliche Fehlerkultur inzwischen abgelegt, erinnere ich Sie zum Beispiel an „Wetten, dass..!?“ und Markus Lanz. Viele Moderatoren haben sich vor der Aufgabe gedrückt, das Flaggschiff der Samstagabend-Sendungen zu steuern. Lanz hat es probiert. Mit mäßigem Respekt von der Öffentlichkeit.

Die Verantwortung anderer wird klarer wahrgenommen als die eigene

Zurück zum Index: Hätten Sie gedacht, dass Menschen die Verantwortung anderer um 15 % klarer erkennen als die eigene? Das ist aus mehreren Gründen interessant: Zum einen bestätigt es wissenschaftlich, was bisher nur vermutet wurde. Aus Angst vor Fehlern etwa reflektieren wir in Verantwortungsdingen lieber über andere – und schauen mehr auf sie als auf uns. Daraus ergibt sich ebenso, dass wir die Versäumnisse anderer leichter erkennen als unsere eigenen. Zum anderen erklärt es, wie Menschen extern funktionieren. Nur mit einem klaren Blick nach außen können wir im Rudel und in der Welt überleben. Manche, deren Sehschärfe mehr nach außen als nach innen ­gerichtet ist, sind also nicht willensschwach. Sie haben lediglich einen blinden Fleck sich selbst gegenüber. Und sind sich ihrer Blindheit nicht bewusst.

Wer hier jedoch nicht aufpasst, fühlt sich anderen schnell überlegen. Leicht verfallen wir in eine Überlegenheitsillusion. Sehen die Welt klarer als uns selbst. Und wissen es ­angeblich besser als das Gegenüber.

Im Bereich Führung wird dieser Fakt dramatisch: Viele Menschen legen höhere Maßstäbe an Führungskräfte an als an sich selbst. Die niedrigere Sehschärfe ihrer eigenen Verantwortung ist ein Beleg dafür. Wollen sich diese Menschen hinter ihrer Führungskraft verstecken? Dann ist es ein Akt der Selbstentmächtigung.

Zum Verantwortungsindex

Die wertewissenschaftliche Erhebungs- und Berechnungsmethode des Verantwortungsindex beruht auf den wissenschaftlichen Forschungen von Professor Robert S. Hartman, der das Hartman Value Profile (HVP) geschaffen hat und 1973 für den Nobelpreis nominiert war. Das HVP ist weltweit millionenfach durchgeführt worden und entsprechend umfänglich wissenschaftlich validiert.

Wie wird gemessen?

Gemessen wird das Thema Verantwortung in drei verschiedenen Dimensionen – die menschliche, faktische und prinzipielle Dimension. Das komplexe Rangreihenmodell bildet die Welt- und Selbstsicht einer Person sehr genau ab und berücksichtigt dabei die gegenwärtige Lebensphase. Es gibt sowohl Aufschluss über das grundsätzliche Wertesystem eines Menschen als auch über dessen aktuell herrschende Einstellungen. Das Wertesystem gilt in der Wissenschaft als die beständigste Handlungsorientierung. Diese kann wertemetrisch erfasst werden, also durch Bewertung und nicht durch Selbstauskunft. Das schließt Manipulationsmöglichkeiten und psychologische Effekte wie soziale Erwünschtheit oder Selbstdarstellung aus. Wo viele herkömmliche Verfahren einzelne Talente oder Antriebsfelder messen, kombiniert das Verfahren profilingvalues (das eine Weiterentwicklung des HVP darstellt) zudem inhaltlich die beiden Faktoren „Können“ und „Wollen“, um Neigungen, Kompetenzen, Interessen und Potenziale einer Person so klar wie möglich abzubilden.

Prinzipien sind wichtiger als die operative Umsetzung

Die Befragung deckt zudem auf: „Prinzipien sind wichtiger als die operative Umsetzung.“ Umweltschutz betrachten zum Beispiele viele als besonders wichtig. Vernachlässigt wird hingegen, Müll wirklich konsequent zu trennen. Dieses Ergebnis zeigt sich auch im Führungsalltag: Menschen mögen das Prinzip Führungskraft. Und den Status, der damit einhergeht. Sie gefallen sich in der Rolle einer verantwortungsvollen Position. Doch tatsächlich Verantwortung für die einzelnen Aufgaben zu übernehmen, ist weniger interessant. Dafür erntet man keinen Ruhm, das ist kein vorzeigbares Statussymbol. Das macht eigentlich nur Arbeit. Und man riskiert Fehler. So schließt sich der traurige Kreis.

Führungskräfte werden Verantwortung nicht besser gerecht

Sensationell ist in meinen Augen folgende Erkenntnis: Führungskräfte können Verantwortung nicht besser sehen, ausfüllen und übernehmen als andere Menschen. Es lässt den Schluss zu, dass das Thema bei der Qualifizierung und Auswahl von Führungskräften nicht im Vordergrund steht. Für mich folgt die Forderung, das Verantwortungsvermögen zu einer tragenden Säule bei der Besetzung von Führungsposten zu machen. Für die Zukunft erscheint daher sinnvoll, Verantwortung bei der Einstellung und Entwicklung von Führungskräften mehr in den Mittelpunkt zu stellen.

Verantwortung messbar gemacht

Aber wie kann man die Verantwortungsqualität einer einzelnen Person abbilden? Genau dafür hat die Grundl Leadership Akademie zwei Werkzeuge entwickelt. Ein Diagnoseinstrument zur Messung der allgemeinen Verantwortung (Focus Verantwortung) und zur Erstellung einer hochwertigen Führungsanalyse (Leadership Excellence Report). Besonderes Goodie zur Studie: Jeder kann in wenigen Minuten seine eigene Verantwortungsqualität mit dem deutschen Durchschnitt vergleichen. Auf www.verantwortungsindex.de gibt es einen kostenfreien Selbsttest. Das Ergebnis wird sofort zugestellt. Wir freuen uns auf Ihren Besuch. Lassen Sie uns gemeinsam die Verantwortungsqualität in Organisationen auf ein höheres Level bringen. Und das mit Freude verknüpfen.

Kontakt: info(at)grundl-akademie.de

Boris Grundl durchlief eine Blitzkarriere als Führungskraft, ist Management-Trainer, Unternehmer, Autor sowie Inhaber der Grundl Leadership Akademie und erforscht das Thema „Verantwortung“.


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