Lasst mich mal machen – warum Führung Ethik ­benötigt

Ulf D. Posé
Ethik möchte das soziale Miteinander universell mitgestalten helfen

von Ulf D. Posé

Die ethische Wertevermittlung ist in die Krise geraten. Menschen in unserer Gesellschaft haben das Vertrauen verloren. Vorsicht wird durch Misstrauen ersetzt. Wir vermissen Führungspersönlichkeiten, denen wir vertrauen können. Es scheint also angebracht, darüber nachzudenken, was wir derzeit dringender benötigen als alles andere: die Fähigkeit, in einer Unternehmenskultur ein Vertrauensklima herzustellen. Meines Erachtens geht dies nur durch eine vorbildhafte, ethische Wertevermittlung. Kein Mensch will sich in einer Welt bewegen, in der alles nach nacktem Determinismus vorherbestimmt ist und ihm nur die Rolle desjenigen zukommt, der nach der Vorsehung die Kastanien aus dem Feuer holt. Aus dem Unternehmertum selbst folgt die ethische Vorgabe für eine Vertrauenskultur, die Welt eben nicht kritiklos so anzuerkennen, wie sie zufällig gerade ist, sondern vertrauensvoll an ihrer Veränderung derart zu arbeiten, dass wir uns darin erleben als Menschen, die einander hin und wieder die Fähigkeit verbildlichen, dass sie die bewussten Gestalter der Welt sind, in der sie auch leben wollen.

Die Kosten unethischen Verhaltens

Warum ist es so wichtig, darüber nachzudenken? Aus der fehlenden Moral entsteht fehlendes Bewusstsein für Unredlichkeit und fehlendes Bewusstsein für Redlichkeit. Und die Kosten für unredliches Verhalten sind gigantisch. Die Vereinsamung, der Vertrauensverlust, die Gefühlskälte, der Verlust an Geborgenheit, die Orientierungslosigkeit, die dadurch in einer Gesellschaft, einer Kultur entsteht, die Entmenschlichung, die Zerstörung des sozialverträglichen Miteinanders sind enorm. Es kann sein, dass nicht wenige all das um des eigenen Vorteils willen billigend in Kauf nehmen.

Die Konsequenzen eines solchen Verhaltens sollten wir jedoch nicht tragen wollen, denn die Skandale in der Wirtschaft nerven nur noch. Alle haben Ethikgrundsätze, Complianceregeln. Und keiner hält sich so richtig daran. Wieso ist das so? Weil manchen Unternehmen ihre Ethik-Broschüren reichen, denn im Zweifel werden sie beiseitegelegt. Es erinnert an den großen Österreicher Karl Kraus, der einen Studenten befragte, was er denn studiere. „Ich studiere Wirtschafts­ethik.“ „Na“, meinte Karl Kraus, „dann sollten Sie sich aber bald für eines von beiden entscheiden.“

Ethik findet im Handeln statt

Ethik ist eine Wissenschaft, die hohe, zu schützende Güter entwickelt und Handlungen danach bewertet, ob sie erlaubt, geboten, verboten oder verwerflich sind. Jemand, der Menschen führt, sollte somit über hohe Güter, also Werte verfügen, und seine Taten bewerten. Zur Bewertung benötigt Ethik also die Handlung, das Tun, nicht das Reden oder Veröffentlichen von Ethik-Leitlinien. Handeln ist allerdings etwas anderes, als sich zu verhalten. Auch Tiere verhalten sich, Menschen auch. Aber nicht jeder, der sich auf eine besondere Art und Weise verhält, handelt auch. Wer handelt, sollte fünf Bedingungen beachten. Zunächst sollte ich ein Ziel, ein ethisch verwertbares Ergebnis anstreben. Dann sollte ich prüfen, ob es nicht doch noch eine Alternative zu meiner geplanten Vorgehensweise gibt, dann, zum Dritten, sollte ich durch mein Handeln etwas zum Positiven verändern. Ich sollte viertens in der Lage sein, mein Handeln begründen zu können, und ich sollte fünftens bereit sein, für die überschaubaren Konsequenzen meines Tuns geradezustehen.

Fragen wir unsere Kinder. Was glauben sie? Kinder glauben ihren Eltern nur das, was sie tun, nicht, was sie sagen. Wenn der ältere Bruder den jüngeren schlägt, und Papa geht dazwischen, schnappt sich den älteren und sagt, während er ihm ein, zwei Backpfeifen gibt: „Wie oft habe ich dir gesagt, du sollst Jüngere nicht schlagen, wie oft?“ Was lernt das Kind wohl dadurch?

Passen Ethikleitlinien und Führung zusammen?

In Unternehmen ist es nicht anders. Eine der wichtigen Fragen für die Zukunft eines Unternehmens ist es, ob die ethischen Führungsleitlinien mit dem tatsächlichen Verhalten der Führungskräfte zusammenpassen. Was nutzen Hochglanzbroschüren, in denen behauptet wird‚ „unsere Mitarbeiter sind unser wichtigsten Kapital“, wenn außer­gewöhnliche Gewinne mit Freiset­zungen von Mitarbeitern „belohnt“ werden? Weder Gewinne noch Gewinnstreben in der Wirtschaft sind zu verurteilen. Zu kritisieren ist allerdings, unter welchen Umständen manche Unternehmen ihre Gewinne erwirtschaften.

Unternehmen haben Erfolg durch die Menschen, die sie beschäftigen. Diese Mitarbeiter für ihren Erfolg mit zum Beispiel Freisetzungen zu „belohnen“ hat schon komische Züge. Sicher ist es zu verstehen, wenn ökonomischer Misserfolg zum Stellenabbau führt. Bei hervorragenden Gewinnen, die weit über den Erwartungen liegen, sowie Eigenkapitalrenditen, die den Branchendurchschnitt weit übersteigen, gleichzeitig Stellenabbau zu betreiben, ist in höchstem Maße unredlich und zeugt von einer Haltung, die ökonomischen Erfolg absolut setzt. Zu behaupten, dies geschähe zur Sicherung des Unternehmensbestandes, ist ebenfalls unredlich, wenn dieser Bestand de facto gar nicht gefährdet ist.

Genau an der Stelle ist Ethik in der Führung gefragt. Für Schopenhauer war Mitleid noch die Quelle der Ethik. In der heutigen Zeit ist Ethik oft verkommen zu einer Art emotionalem Brei. Motto: Was mir gut tut, ist ethisch gut. Für Aristoteles war Ethik noch die Grundlage des verantworteten Miteinanders. Er hatte großes Interesse daran, seinem Sohn Nikomachos zu helfen, sein Leben so zu gestalten und zu organisieren, dass er sich im Schoße der Gesellschaft glücklich, gesegnet, geborgen und erfolgreich fühlte.

Fragt man heute jemanden nach Ethik, dann bekommen nicht wenige Manager einen leicht verklärten Blick und ein durchgedrücktes Kreuz. Man hört noch ein leichtes Seufzen: „Ach ja, ganz wichtig!“, und danach wird erst einmal argumentiert, dass Ethik eine Sache sei, die man sich in heutiger Zeit bei dem Wettbewerbsdruck nicht so ohne Weiteres leisten könne. Fragt man nach, was denn nun Ethik sei, dann kommen Antworten wie: „Das ist sehr wichtig für das Zusammenleben“ oder „das hat etwas mit Menschlichkeit zu tun“ oder noch andere alberne Definitionsversuche.

Die Führungskraft als sittliche Persönlichkeit

Starten wir einmal eine Begriffsbestimmung und Abgrenzung. Wenn wir uns mit Ethik in der Führung befassen wollen, dann sollten wir definieren und unterscheiden zwischen Ethik, Moral und Sittlichkeit. Und wir sollten feststellen, wo Ethik heute eine Chance hat und wie Ethik eine Chance hat. Dazu ist es notwendig, sich mit der ethischen Orientierung eines Menschen, der Güterabwägung auseinanderzusetzen.

1. Was ist Ethik?

Ethik ist nichts anderes als eine wissenschaftliche Disziplin, mit der wir alles, was wir tun, bewerten. Diese Bewertung findet statt vor dem Hintergrund von hohen Gütern, die wir schützen wollen. Die kürzeste Definition könnte sein: Ethik ist die Lehre von Gut und Böse.

2. Was ist Moral?   

Moral ist der Katalog, den eine Gesellschaft aufstellt, um die Mitglieder dieser Gesellschaft dazu zu bringen, sich sozial verträglich zu verhalten. Es ist also ein Normenkatalog.

3. Was ist Sittlichkeit?

Sittlichkeit ist die Fähigkeit und Bereitschaft eines Menschen, seine Handlungen nach hohen zu schützenden Gütern auszurichten und diese Taten auch zu verantworten. Die Verantwortung bezieht sich hier auf die überschaubaren Folgen der Handlungen.Die EthikkategorienDie Frage ist nun, wie kommt es zu einer sittlichen Handlung? Wann greifen denn Ethik oder Moral im Führungsprozess? Das hängt zunächst davon ab, welcher Ethik ich mich verpflichtet fühle. Im Kern gibt es drei verschiedene Ethikkategorien:

  1. Gesinnungsethik. Hier zählt die gute Absicht. Allerdings sollten wir bedenken, das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Gleichzeitig kann ich niemals die Gesinnung eines Menschen eindeutig erkennen, denn selbst wenn jemand eine bestimmte Gesinnung behauptet, wissen wir doch nie, ob sie tatsächlich vorliegt. Das Problem der Gesinnungsethik ist, dass Menschen mit besten ethischen Absichten nicht mehr nach der notwendigen ethischen Kompetenz fragen. Wenn jedoch beste Absichten an Inkompetenz gekoppelt werden, dann kommt nur Mist dabei heraus, und man fühlt sich auch noch gut dabei!
  2. Ergebnisethik. Hier zählt das Resultat. Auch bei dieser Ethik gibt es ein Problem: Wenn nur das Ergebnis zählt, dann kann der Zweck die Mittel heiligen.
  3. Handlungsethik. Hier zählt die Vorgehensweise. Ich muss das verantworten, was ich tatsächlich getan habe, unabhängig von meiner Gesinnung und dem erreichten Ergebnis. Ich kann mich hier weder hinter meiner guten Absicht noch hinter einem ethisch verwertbaren Ergebnis verstecken. Handlungsethik fordert eine hohe Sittlichkeit ein.

Wenn der Ethik-Kodex nicht funktioniert

Nahezu jedes Unternehmen hat heutzutage Ethikleitlinien, einen Ethik-Kodex. Und was ist anders – besser? Nichts, wenn sich Führungskräfte mit der Gesinnung, der Absicht zufrieden geben! Hier ein Beispiel:

In den Verhaltensgrundsätzen des VW Konzerns steht: „Wir tragen mit unseren Produkten dazu bei, dass Mobilität umweltfreundlich, effizient und sicher ist. In diesem Sinne verpflichtet uns die Zukunft, die Mobilität im Interesse des Gemeinwohls mit Produkten voranzutreiben, die den individuellen Bedürfnissen, den ökologischen Belangen und den ökonomischen Ansprüchen an einen Weltkonzern gerecht werden.“ Da steht auch: „Um unser Ziel zu erreichen, handeln wir verantwortungsvoll zum Nutzen unserer Kunden, Aktionäre und Mitarbeiter, sehen wir die Einhaltung der internationalen Konventionen, der Gesetze und der internen Regeln als Grundlage für nachhaltiges, erfolgreiches, wirtschaftliches Handeln an, handeln wir im Einklang mit unseren Erklärungen, übernehmen wir Verantwortung für unser Handeln. Die Konzernwerte Kundennähe, Höchstleistung, Werte schaffen, Erneuerungsfähigkeit, Respekt, Verantwortung und Nachhaltigkeit sind die Grundlage für unsere konzernweite Zusammenarbeit und in unsere Verhaltensgrundsätze eingeflossen.“ Integer heißt laut Duden unbescholten, moralisch einwandfrei, unbestechlich handeln. Ich kann nur sagen, ein Hohn, denn all das scheint sich mit der konkreten Vorgehensweise nicht gedeckt zu haben.

Vor dem Hintergrund ist sicher gut zu verstehen, dass die Integritätsmanagerin nach nur einem Jahr VW in beiderseitigem Einvernehmen VW verließ und 12 Mio. Euro Abfindung erhielt, und zwar zu Recht, wenn man die Umstände kennt.

Wirtschaft verkommt zum Heuschreckenkapitalismus, wenn die Ethik von Leitlinien und Führungsgrundsätzen im konkreten, täglichen Handeln nicht stattfindet.

Manche Unternehmen handeln unlogisch

Wirtschaftlicher Erfolg muss einhergehen mit sozial verträglichem Miteinander. Das ist die Basis der sozialen Marktwirtschaft. Die Logik kann nur sein: Je größer der wirtschaftliche Erfolg, desto mehr kann und muss ein Unternehmen tun, um soziales Miteinander zu optimieren. Alles andere ist unredlich und verwerflich und ruiniert das Soziale unserer Marktwirtschaft, denn wer Verantwortung übernimmt, sollte dies nicht nur behaupten, sondern auch durch sein Handeln beweisen – sonst verkommt Führungsverantwortung zur Verbalakrobatik.

Führung benötigt Grundsätze, nach denen auch gehandelt wird

Ethik möchte das soziale Miteinander universell mitgestalten helfen. Dazu werden Grundsätze ermittelt, denen das Handeln folgen soll. Das Bewertungsinstrument der Ethik ist die Güterabwägung. Es wird geprüft: Schadet oder nutzt die Handlung den Beteiligten im Sinne des Grundsatzes? Formuliere ich den Grundsatz: „Handle und entscheide stets so, dass durch dein Handeln und dein Entscheiden das personale Leben in dir und in einer jeden anderen Person eher gemehrt denn gemindert wird“, dann kann ich jetzt anhand der Güterabwägung prüfen, ob mein Handeln diesem Grundsatz folgt. Nutzt das beiden, also ein Mitarbeiter macht zum Beispiel ausreichend Urlaub, dann ist die Handlung geboten, man sollte es tun. Trinkt der Mitarbeiter schon morgens Alkohol, und das den ganzen Tag über, dann schadet dies dem Mitarbeiter und dem Arbeitgeber. Solch eine Handlung ist ethisch verboten. Das ist recht einfach. Etwas schwieriger wird es, wenn Schaden und Nutzen gleichzeitig auftreten. Der Abgasskandal hat vor seinem Bekanntwerden zunächst VW wirtschaftlich genutzt, jedoch in Summe einen Riesenschaden angerichtet, der weitaus größer ist als das bisschen Geld, das damit verdient wurde. Im ethischen Sinne gelten solche Handlungen als verwerflich. Dann bleibt noch der vierte Fall. Ein Mittelständler hat einen Sonderauftrag, der Überstunden erfordert. Für den Mitarbeiter bedeutet dies auf der sozialen Seite, dass er einige Wochen lang später nach Hause kommt, die Kinder nicht mehr ins Bett bringen kann, seine Freunde weniger trifft. Überstunden bedeuten also keine Lebensmehrung. Aber die Überstunden helfen dem Unternehmen, machen es wettbewerbsfähiger. Hier ist der Nutzen größer als der Schaden. Und das ist ethisch erlaubt.

Branchenführer haben eine Vorbildfunktion

Gerade die Führungskräfte der Branchenführer haben hier eine Vorbildfunktion, die es gilt, wieder positiv wahrzunehmen durch konkretes, ethisch motiviertes Handeln, nicht durch Broschüren. Die einfachste Methode wäre, wer sich im Unternehmen ethisch danebenbenimmt, macht keine ­Karriere mehr. Gelingt dies nicht, wird sich (wieder einmal) die Politik einmischen und durch ordnungspolitische Rahmenbedingungen die Wirtschaft zwingen wollen, ihr ökonomisches Handeln sozial verträglich zu gestalten. Das ist sicher die zweitbeste Lösung.

Kontakt: pose(at)posetraining.de

Ulf D. Posé ist Experte für Unternehmens- und Vertriebskultur. Der von Prof. Dr. Rupert Lay zum freien Dozenten für Dialektik und Führungslehre ausgebildete Jesuitenschüler ist ECA-zertifizierter Coach, Speaker, Autor von 15 Büchern und Wirtschaftsjournalist. Posé lehrt an Hochschulen und ist Präsident der Akademie des Senats der Wirtschaft und war von 2003 bis 2013 Präsident des Ethikverbandes der Deutschen Wirtschaft e. V.

 

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