Ethik oder Mangel an Gelegenheit?

Dr. Ulrich Goldschmidt
Vorstandsvorsitzender

Liebe Leserin, lieber Leser,

„Ich kann allem widerstehen – außer der Versuchung“, erkannte schon Oscar Wilde und beschrieb damit eine zutiefst menschliche Charaktereigenschaft. Deshalb ist auch äußerste Vorsicht angesagt, wenn man sich auf das hohe ethische Ross schwingt, könnte doch schon an der nächsten ­moralischen Hürde der Sturz drohen. Selbstkritisch sollten wir uns alle hinterfragen, ob wir uns ethisch korrekt aus eigenem Antrieb und aus tiefer Überzeugung verhalten oder nur aus Mangel an Gelegenheit.

Auch die Unternehmen scheint diesbezüglich ein gewisses Maß an Skepsis umzutreiben, führen doch immer mehr Arbeitgeber speziell vor der Besetzung von Führungspositionen Integritätstest durch. Integrität ist dabei viel mehr als bloß gesetzeskonformes Verhalten. Es geht vielmehr darum, sein Verhalten an einem Wertesystem auszurichten. Idealerweise sollte dabei niemand sein eigenes Wertesystem gleich als allgemeingültig hinstellen. Ethische Verantwortung heißt auch, dieses eigene Wertesystem immer wieder darauf zu überprüfen, ob es mit allgemein anerkannten Werten und Verhaltensweisen kompatibel ist. Aber selbst wenn diese Kompatibilität besteht, ist sie doch noch kein Garant für ein wirklich akzeptables Wertesystem. Die Geschichte zeigt: Menschen und ihre Wertesysteme sind nun mal leider korrumpierbar, wenn auch unterschiedlich stark anfällig für Versuchungen. Ethische Führung muss deshalb immer mehr sein als der Anspruch, das Maß aller Dinge sein zu wollen, dem alle zu folgen hätten.

Nun wollen und brauchen wir keine wundertätigen Heiligen in den Unternehmen, die im Zweifel auch das Meer teilen und Wasser in Freibier verwandeln können. Aber es gibt eine einfache Testfrage, die man sich als Führungskraft und auch als Mitarbeiter zur Selbstüberprüfung stellen kann: „Gehe ich so mit den Menschen um, dass ich in dieser Weise auch selbst behandelt werden möchte?“

In diesem Sinne schafft Integrität dann auch Vertrauen. Und Vertrauen ist eine wichtige Währung im Arbeitsleben, zahlen Mitarbeiter doch darauf mit Zinsen zurück. Niemand aber will auf Dauer mit Führungskräften, Kollegen oder Mitarbeitern zusammenarbeiten, die man für nicht integer hält, denen man nicht vertraut und deren Wertekompass dringend neu justiert werden müsste. Ethik hat damit eine unmittelbare ökonomische Komponente. Ethik und erfolgreiches Management bedingen einander.

Deshalb haben wir diesmal in unserer Zeitschrift den Schwerpunkt „Ethik und Führung“ ­gesetzt. Die Autoren, die daran mitwirken, können das Thema natürlich viel kompetenter und tiefgründiger behandeln, als dies in diesem Editorial der Fall ist.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre dieses Heftes der „Perspektiven“, vor allem aber auch ein friedvolles und schönes Weihnachtsfest und einen gelungenen Jahreswechsel.

Ihr
Ulrich Goldschmidt


Bildquelle: © DIE FÜHRUNGSKRÄFTE – DFK

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