Kommunikation – ein ewiges Missverständnis

Dr. Ulrich Goldschmidt
Vorstandsvorsitzende

Liebe Leserin, lieber Leser,

George Bernhard Shaw wird der Satz zugeschrieben, England und Amerika seien zwei Länder, die durch die gemeinsame Sprache getrennt seien. Im 2. Weltkrieg führte dies zu teilweise dramatischen Missverständnissen zwischen den Armeen beider Länder. Und auch wenn man in unsere Unternehmen schaut, hat man nicht den Eindruck, dass man über eine gemeinsame Sprache zu einer gemeinsamen Sprache gefunden hat.

Kommunikation oder gar Kommunikationsstärke wird zwar allenthalben gefordert. Was man aber darunter konkret zu verstehen hat, bleibt am Ende oft genauso ungeklärt wie die Frage nach der Lieblingsmusik oder dem besten Fußballer. In der besten aller Welten wird man sich darüber einig sein, dass Kommunikation der ernsthafte Austausch nicht nur von Informationen, sondern auch von Einschätzungen, Meinungen, konstruktiver Kritik und Lösungsansätzen ist, dass Kommunikation also auf Gegenseitigkeit angelegt ist. Dieses Verständnis von Kommunikation setzt Vertrauen, Zeit und Wertschätzung voraus. Die Realität sieht oft anders aus.

Effektive Kommunikation unter wertschätzender Beachtung des Empfängerhorizonts kann ein exzellentes Mittel unter anderem zur Mitarbeitermotivation sein. Man zeigt den Mitarbei­tern damit, dass man auf den Austausch mit ihnen Wert legt, dass man ihre Meinungen schätzt und sie ernst nimmt. Versäumt man dies, kann mangelhafte Kommunikation und damit mangelhaftes Führungsverhalten sogar zur Mitarbeiterdemotivation führen. Die „Druckbetankung“ von Mitarbeitern mit den neuesten Arbeitsanweisungen ist noch keine Kommunikation.

Aber auch auf der Empfängerseite stößt man teilweise auf krasses Fehlverhalten. Zu den Klassikern auf diesem Gebiet zählt, dass der Wunsch nach Kommunikation nur vorgetäuscht wird, während tatsächlich nur Information gewollt ist, um damit die Maximierung von Eigeninteressen voranzutreiben. Man kann es gar nicht deutlich genug sagen: Ein Mitarbeiter, der sich so verhält, ist der sprichwörtliche faule Apfel im Korb, der alle anderen Äpfel verdirbt. ­Dieser Apfel muss schnellstmöglich entfernt werden. Denn ebenso wie eine schlechte oder gar komplett ausbleibende Kommunikation durch den Vorgesetzten die Mitarbeiter demo­tiviert und ihre Loyalität zum Unternehmen auf eine harte Probe stellt, ist der Eindruck, dass einzelne Mitarbeiter selektiv mit Informationen versorgt werden, die diese dann für ihren ­eigenen Vorteil einsetzen, für den Team Spirit verheerend.

Kommunikation ist also mehr als ein Führungsinstrument. Es ist eine Verhaltensform, die von der Unternehmenskultur geprägt wird und an der Vorgesetzte wie Mitarbeiter gleichermaßen arbeiten müssen. Bei ernsthaftem Bemühen sollte es dann auch gelingen, nicht nur eine gemeinsame Sprache nach Wörterbuch und Grammatik zu finden, sondern eine gemeinsame Sprache auf der Grundlage einer gemeinsamen Haltung. Ein guter Grund, warum wir uns in diesem Heft besonders mit Fragen der Kommunikation befassen.

Ihr
Ulrich Goldschmidt


Bildquelle: © DIE FÜHRUNGSKRÄFTE – DFK

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