Auf dem Weg in die digitale soziale Marktwirtschaft DIE FÜHRUNGSKRÄFTE beim VisionForum 2016

Verbandsgeschäftsführer Sebastian Müller war einer der Speaker auf dem VisionForum
Die Innovations­Konferenz fand am DFK­Standort in Berlin im bestens gefüllten Allianz Forum statt
Thomas Sattelberger, Management­Vordenker, ehemaliger
Personalvorstand und Arbeitsdirektor der
Telekom AG, war mit der ZAAG (Zukunftsallianz Arbeit
und Gesellschaft) der Gastgeber der Konferenz
Der Schwedische Arbeitsminister (von 2006 bis
2010) war einer der Speaker

DIE FÜHRUNGSKRÄFTE – DFK beteiligen sich auf ganz unterschiedlichen Ebenen, um die Interessen der Mitglieder wahrzunehmen – so auch, wenn es darum geht, die Zukunft der Arbeitswelt zu gestalten. Als Vertreter der Fach- und Führungskräfte war der DFK nun auch Kooperationspartner des VisionForum in Berlin mit DFK-Geschäftsführer Sebastian Müller auf dem Podium. Das Credo: Technische Innovationen können nur mit sozialen Innovationen gelingen – die Führungskräfte spielen dabei eine Schlüsselrolle.

Der Innovationskongress brachte mehr als 200 Teilnehmer aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im Allianzforum am Pariser Platz in Berlin zusammen. Seinen cross-sektoralen Ansatz gab es in der Form noch nie. Ideen und Inspirationen kamen sowohl aus klassischen Indus­triebranchen als auch aus Wissenschaft, Verwaltung und Nichtregierungsorganisationen.

Status quo: Industrie 4.0

„Ein reiner Technizismus, wie er in Begriffen wie ,Industrie 4.0‘ steckt, bringt uns nicht weiter“, ist sich der Managementvordenker und ehem. Personalvorstand der Telekom Thomas Sattelberger sicher, der die Veranstaltung mit der Zukunftsallianz Arbeit und Gesellschaft (ZAAG) organisierte. Die Unternehmen stehen in einem disruptiven Wandel und merken es durch das Pflaster „Wir machen doch Industrie 4.0“ gar nicht. Die Wertschöpfungskette bleibt in den dann „smart factories“ wie sie ist. Ganz anders in den USA mit all ihren nicht „smart factories“, sondern „smart services“, die damit eine nicht einholbare Digital-Großmacht wird. Digitale Innovationen finden größtenteils dort statt. Deutsche Großkonzerne stehen deshalb vor fundamentalen Phasen der Transformation. Und gleichzeitig fehlt dem Konzept „Indus­trie 4.0“ ausgerechnet im deutschen Mittelstand die Resonanz. Alle Indikatoren der Innovationsanteile im Mittelstand zeigen nach unten. Bloße Effizienzsteigerung wird gegen die Disruption nicht ankommen.

Wir brauchen gleichzeitig die soziale Innovation

Gefragt ist vielmehr ein neuer Ansatz: „Wir brauchen eine verbindende Leitidee für Deutschland mit echtem Identifikationspotenzial – so wie der Gedanke einer sozialen digitalen Marktwirtschaft, der in vielen der Vorträge auf dem VisionForum zur Sprache kam“, betonte Sattelberger. Eine solche Idee könnte übergreifend sinnstiftend wirken, beispielsweise hinsichtlich Partizipation oder Führung.

Gute Führung als Schlüsselrolle

Verbandsgeschäftsführer Sebastian Müller betonte in seiner Begrüßung, dass die derzeitige Führungskultur in Deutschland Innovation geradezu behindere. Hier gebe es zu wenig Freiräume, zu wenig Gestaltung, zu viel ausdrücklich gewollte Kontrolle, Verwaltung, Bürokratie. Die gute Nachricht: Führungskräfte selbst wollen eine Änderung der Führungskultur, sie wollen, dass die Steuerungslogiken der Unternehmen andere werden. Sie wollen sich nicht nur dem Shareholder, sondern dem Kunden, dem Mitarbeiter und der Öffentlichkeit verpflichtet sehen – ein Stakeholder-orientierter Ansatz.

Das System überlisten

Die Appelle an die digitale Zukunft, wie mehr Innovationen zu wagen oder die Unternehmenskultur zu ändern, seien zwar berechtigt. Müller betonte aber, dass sie am großen Ganzen nichts ändern werden: „Die gerne zitierte Unternehmenskultur ist, wie sie ist. Man kann sie nicht einfach beklagen. Alte Systeme, alte Unternehmenskulturen wollen so bleiben, wie sie sind. Sie wollen alte Macht, altes Territorium und alte Technologien verteidigen. Wenn wir sie ändern wollen, müssen wir die sozialen Systeme mit Außenreizen überlisten – neue Umgebungen fassen und neue Bedingungen schaffen: Lassen Sie uns Entgeltsysteme verändern, Arbeitszeit-Souveränität und Strategiebeteiligung herstellen, Präsenz- und Arbeitszeiten flexibilisieren – schlicht alte Rituale abschaffen.“

Kreativität wurde in den Systemen so gut wie gar nicht honoriert, weil sie kaum quantifizierbar ist und nie in Schemata wie Performance-Management-Systeme passt. „Lasst die geschäftsspezifische Performance entscheiden – Mitarbeiter schlicht zu Beteiligten am Unternehmenserfolg machen. Wir müssen weg von den Oberkontrolleuren und Chefsachbearbeitern. Wir züchten uns den Micro-Manager selbst“, so Müller auf dem ­VisionForum.

Disruptive Innovation braucht Freiraum

Würde ein Produzent von Verkehrsampeln über neue Kreisverkehre nachdenken? Er würde die Verkehrsampel immer weiter optimieren – er kann gar nicht anders. Es gibt heute immer mehr Beispiele dafür, dass die wirklich grundlegenden Innovationen nicht in dem bekannten Industrie-Unternehmens-System – sei es auch noch so sehr „4.0“ – entstanden sind. Immer mehr größere Unternehmen führen deshalb länger schon Innovation Labs, Transformation Hubs, Coworking Spaces, agile Teams etc. ein, um die Innovationskraft aus einer anderen sozialen Welt zu nutzen.

Das Job-Killer-Szenario

Sven Otto Littorin, Arbeitsminister in Schweden von 2006 bis 2010, brachte es auf den Punkt: Digitalisierung und Automatisierung reduzieren die Anzahl der Arbeitsplätze, aber sie bringen auch Arbeit mit sich. Die Art und Weise, wie die Arbeit organisiert wird, wird sich verändern. Es wird eine neue Nachfrage nach Kompetenzen geben. Und in der Tat: Die These vom Roboter als Jobkiller wurde von zahlreichen anderen Untersuchungen infrage gestellt, die in der Regel sogar mehr Jobs durch die Digitalisierung erwarten. Die Beteiligten waren sich sicher: Die Negativ-Szenarios werden nur eintreten, wenn wir unsere Hausaufgaben nicht machen.

Potenzialorientierte Bildungsmethoden

Die Bildung spielt natürlich die Schlüsselrolle. Die Basis für Bildung und Lernen ist zwischenmenschliche Beziehung und Freude. Aber wie können Kinder ihre Potenziale entfalten und reifen? Margret Rasfeld, Vertreterin der „Schule im Aufbruch“, referierte eindrucksvoll über interdisziplinäre Ansätze, neue Lernerfahrungen und individuelle Lernreisen für Schüler, um ihr Selbstbewusstsein zu entwickeln und ihre Sichtweise zu erweitern. Sie erntete dafür verdientermaßen den längsten Applaus der Konferenz.

Was es braucht

Unsere jetzigen sozialen Systeme sind – gerade in den heutigen Unternehmensstrukturen – nicht in der Lage, sich den technologischen und digitalen Veränderungen so schnell wie eigentlich nötig anzupassen. Nur soziale Innovationen können diese Lücke schließen. Dazu braucht es Mut, neue Kontexte, neue Bedingungen. Und dies braucht einen Austausch und ein Aufzeigen von Pionierprojekten. Nur in einem breiten Diskurs werden Innovationen bekannt, entstehen wiederum Impulse für neue Lösungen und entsteht die Basis für neue Märkte. Dazu brauchte es diese Konferenz.

Einige der Speaker waren: Sven Otto Littorin (ehem. schwedischer Arbeitsminister), Dr. Katrin Suder (Staatssekretärin im Bundesministerium für Verteidigung), Dr. Andreas Boes (Silicon-Valley-Forscher vom Institut für sozialwissenschaftliche Forschung München), Christoph Keese (Executive Vice President Axel Springer SE), Valentina Kerst (Co-Vorsitzende bei D64), Prof. Dr. Stephan A. Jansen (Karlshochschule Karlsruhe), Sven Gábor Jánszky (2b AHEAD ThinkTank)