Utopia

Dr. Ulrich Goldschmidt
Vorstandsvorsitzender

von Ulrich Goldschmidt

In diesem Jahr beginnen wir nicht nur mit den Feierlichkeiten zu 500 Jahren Reformation mit einem kompletten Reformationsjahr. Etwas weniger auffällig rufen wir uns in Erinnerung, dass vor 500 Jahren auch das Buch „Utopia“ von Thomas Morus veröffentlicht wurde. Dieses Werk gehört in die „Top 10“ der häufig erwähnten, gleichzeitig selten ge­lesenen und zudem missverstandensten ­Büchern der Literaturgeschichte. Kritikfrei wird in dem von Thomas Morus beschriebenen Staat Utopia oft das Paradies der Gleichberechtigung und hohen Bildungsideale gesehen. Für einige Leser mag der Reiz auch darin bestehen, dass es in Utopia keine Anwälte mehr gibt. Tatsächlich beschreibt der Autor, der zum Zeitpunkt der Veröffent­lichung das Amt des Sheriffs von London innehatte, das Schreckensbild eines gnadenlosen Überwachungsstaates, in dem Vertrauen, Freiheit und Mitleid komplett ausgemerzt sind. Wir sind gut beraten, diese Werte in unserer Gesellschaft zu ­hegen, zu pflegen und zu verteidigen. Diese Werte sind zugleich Fundament, Stützpfeiler und Verbundmate­rial unseres Gemeinwesens. Die von Morus beschriebene Utopie wollen wir nicht.

Utopisch erschien es auch vielen, dass ein Kandidat die amerikanischen Präsidentschaftswahlen gewinnen könnte, der auch nicht unbedingt als erwiesener Experte für „Vertrauen, Freiheit und Mitleid“ gilt und dessen Wahlprogramm in den drei Worten „Ich, Ich, Ich“ zusammengefasst werden kann. Aber die Wähler haben so entschieden. Noch überraschender erscheint es uns aber, dass ein so großes Land wie die USA am Ende mit Donald Trump und Hillary Clinton nur genau diese beiden Präsidentschaftskandidaten hervorbringt.

Apropos utopisch. Unerwartet kommt für ­viele auch die Nachricht, dass der Berliner Flughafen BER nun doch noch fertig werden soll. Und zwar mit Hilfe von Millionen-Boni für die Baufirmen, die ihre Arbeit pünktlich abschließen. Millionen-Boni dafür, dass die Handwerker ihren Job ordentlich erledigen? Wir erwarten spannende Diskussionen mit unserem Klempner, der demnächst bei uns zu Hause die Toiletten-Spülung reparieren soll. Ob er wohl eine Sonderprämie dafür erwartet, dass er das Haus nicht verwüstet?


Bildquelle: © DIE FÜHRUNGSKRÄFTE – DFK

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