Wer will noch führen? Wir brauchen eine Attraktivitätsoffensive für Führung!

Dr. Ulrich Goldschmidt
Vorstandsvorsitzender

von Dr. Ulrich Goldschmidt, DFK-Vorstandsvorsitzender

Der berufliche Aufstieg ist nur noch für 41 % der Studierenden von großer Bedeutung, enthüllte kürzlich eine neue Studie. Nicht die berufliche Karriere, sondern die Gestaltung des privaten Umfelds steht im Fokus der jungen Menschen. Und mal ehrlich: Überrascht uns das? Immerhin sind die Aussichten, einen sicheren und zudem gut bezahlten Job auf dem Arbeitsmarkt zu ergattern, so gut wie noch nie. Ist es dann noch attraktiv, nach Aufgaben mit höherer Verantwortung zu streben, nach Führungspositionen?

Daran darf man getrost zweifeln, wenn man auf das Verständnis von Führung schaut, wie es heute immer noch in einer Vielzahl von Unternehmen praktiziert wird und wie es sich auch bis an die Hochschulen herumgesprochen hat. In den Medien und in der Fachliteratur wird das Thema „Führung“ mittlerweile intensiv behandelt. Wenn dann noch die Eltern der Studierenden daheim über mangelhafte Rahmenbedingungen für Führung berichten, wie sie es bei ihren Arbeitgebern erleben, darf es nicht wundern, wenn Führung mehr als Last denn als Lust wahrgenommen wird.

Wenn ich mit Studierenden z. B. im Rahmen meiner Vorlesungen spreche, merke ich, dass viele schon Karriere machen wollen und auch Führungspositionen wahrnehmen möchten. Aber eben zu ihren eigenen Bedingungen und nicht zu den vom Unternehmen gesetzten Bedingungen aus dem letzten Jahrhundert. Ich glaube, die Arbeitgeber werden hier etwas umdenken müssen. Denn dieses Verständnis von Führung macht es den Führungskräften extrem schwer, gute Führung im Sinne des Unternehmens und der Mitarbeiter umzusetzen.

Wir brauchen eine Attraktivitätsoffensive für Führung!

Gelingt es uns nicht, Führung attraktiver zu machen, werden wir eines mit Sicherheit erleben: Führungskräfte – eine bedrohte Art, die künftig auf freier Wildbahn immer seltener anzutreffen sein wird.

Natürlich lässt sich darüber diskutieren, ob wir in einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt mit fließenden, agilen Organisationsstrukturen und exzellent ausgebildeten Mitarbeitern überhaupt noch Führung, ob wir überhaupt noch Führungskräfte benötigen. Aber dieser Ansatz wäre doch arg verkürzt, würde man damit doch von den Mustern althergebrachter Führung aus denken. Gleich, ob wir von Digitalisierung, von Industrie 4.0 oder von Arbeit 4.0 sprechen. Nichts davon wird funktionieren, wenn wir nicht zugleich auf Führung 4.0 umstellen. Wir sollten also nicht nach dem „ob“, sondern nach dem „wie“ fragen. Wie muss Führung aussehen, damit sie einen eigenen Wertbeitrag zum Erfolg des Unternehmens leisten kann und zugleich von den Mitarbeitern wertgeschätzt wird?

Dazu heißt es zunächst einmal, Abschied zu nehmen. Verabschieden müssen wir den heroischen Führungsstil des letzten Jahrhunderts, repräsentiert von den Superhelden unter den Führungskräften, die tatsächlich wie Superman höchstpersönlich durch den Betrieb fliegen, stets auf der Suche nach neuen Brandherden und Problemen, die es zu beheben gilt. Permanente Überwachung durch Führungskräfte, die alles können, alles kennen, alles schon erlebt haben und natürlich fachlich weit höher qualifiziert sind als ihre Mitarbeiter. Ihr Motto: „Hier entscheidet nur einer, und das bin ich.“ Diese Art von „Führung“ funktioniert mit dem Dreiklang von „Befehl, Gehorsam & Kontrolle“ und ist Ausdruck einer Misstrauenskultur. Ein auf Misstrauen basierender Führungsstil wird aber heute nicht mehr gebraucht, nicht gewollt und wird weder von den Führungskräften noch von Mitarbeitern akzeptiert. Derartige Führung erzeugt auf allen Seiten Last, aber eben keine Lust.

Führung soll aber das Arbeitsleben nicht schwerer, sondern leichter machen. Dazu müssen wir in einer vertrauensbasierten Unternehmenskultur weniger top down in Hierarchien und stattdessen mehr in Netzwerken denken. Führung stellt sich nicht mehr dar als „Ihr da unten und ich hier oben“. Führung konkretisiert sich immer mehr in der Frage: „Was kann ich als Führungskraft für die Mitarbeiter tun, damit diese, allein oder als Team, eine optimale Leistung abrufen können?“ Führung heißt also dienen, ist Dienstleistung für die Mitarbeiter.

Anstelle des Dreiklangs „Befehl, Gehorsam und Kontrolle“ tritt ein Vielklang z. B. aus motivationserhaltendem Leadership, Integrität, Respekt, Wertschätzung und Vertrauen. Mit Sicherheit ist dieser Katalog nicht vollständig. Führung wird viel mehr Instrumente und Tonlagen beinhalten als bisher. Führung als Dienstleistung wird daher durchaus anspruchsvoller, aber eben auch reizvoller werden. Denn so kann es gelingen, werthaltige Führung positiv zu besetzen und auch Anreize zu schaffen, Führungsaufgaben mit Freude zu übernehmen.

Aber wie weit sind wir schon? Und wo geht die Reise hin?

Sind wir schon auf dem Weg in diese neue Führungswelt? Definitiv haben wir schon Fortschritte in die richtige Richtung gemacht. Aber viele Fragen bleiben noch offen.

Um die richtigen Führungskräfte für die Zukunft zu gewinnen, sollten wir uns Gedanken darüber machen, welche Eigenschaften diese Führungskräfte denn haben sollen. Wenn wir weniger in Hierarchien und mehr in Netzwerken denken, stellt sich die Frage, ob Führung künftig nur noch auf Zeit übertragen wird oder ganz radikal gedacht, ob die Mitarbeiter demnächst ihre Führungskräfte selbst wählen. Welche Bedeutung haben Selbststeuerung und Selbstorganisation in diesen Unternehmens-Netzwerken? Und wird der Arbeitgeber künftig nur noch Arbeitsangebote unterbreiten, aus denen die Mitarbeiter auswählen werden? Vieles davon mag im Moment noch nach Science-Fiction klingen. Und doch sind wir schon näher an der Realität, als viele glauben mögen.

Um eine Bestandsaufnahme zu machen und zugleich einen Blick in die Zukunft zu werfen, führt der DFK derzeit eine Studie mit einer Befragung von Fach- und Führungskräften zu diesen Themen durch. Mehr als tausend unserer Mitglieder haben sich bereits beteiligt. Über die Ergebnisse werden wir demnächst auch in den Perspektiven berichten.

 

Bildquelle: © DIE FÜHRUNGSKRÄFTE – DFK

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