Flurfunk oder Canale Grande – wie kommunizieren Sie eigentlich?

Benjamin Minack

von Benjamin Minack

Der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick brachte es mit einem Satz auf den Punkt: „Man kann nicht nicht kommu­nizieren.“. Das gilt für Führungskräfte im doppelten Wortsinne – denn wenn sie nichts zu sagen haben, spricht das erst recht Bände.

Wenn wir von Medienkompetenz sprechen, geht es dabei zumeist um die technische Komponente zeitgemäßer Kulturtechniken. Das klassische Abziehbild in der öffentlichen Wahrnehmung ist der Manager, der sich von der Sekretärin „das Internet ausdrucken lässt“ und Twitter für eine exotische Geschlechtskrankheit hält. Diese Zeiten sind gottlob vorbei – auch in der Chefetage der sogenannten „Old Economy“ werden heute wie selbstverständlich moderne Kommunikationstechnologien eingesetzt, es wird zuweilen auch munter getwittert und gepostet und an Online-Panels teilgenommen. Aus rein technischer Sicht dürfte der Nachholbedarf an Medienkompetenz somit weitgehend erschöpft sein.

Doch das genügt nicht. Der Begriff Medienkompetenz umschließt auch eine ganz allgemeine Kommunikationskompetenz in allen ihren sozialen Ausformungen – außerhalb wie innerhalb der Organisation. Kommunikation ist eben kein Frontalunterricht, kein Broadcasting – sie findet zwischen Sender und Empfänger statt und erfordert damit neben dem Sprechen auch ein Zuhören, Nachdenken, Abwägen. Und eben das Auswählen der richtigen Worte und Kanäle. Welche Kommunikationskanäle es gibt, wie sie funktionieren und welche Zielgruppen sich damit erreichen lassen: Das ist Basiswissen, ohne das heute keine Führungskraft auskommt – und sei es nur, um sich in Kunden und/oder Mitarbeitende hineinversetzen zu können.

Entscheidend ist jedoch viel mehr, dass Führungskräfte sich darüber im Klaren sein müssen, was sie mitteilen, wem sie es mitteilen und wie, wann und auf welchem Kanal sie das tun. Wer dies nicht als essenzielles täglich Brot seiner Kommunikation wahrnimmt, der hat spätestens in einer Krise handfeste Probleme: Je lauter die Stille aus der Chefetage dröhnt, desto mächtiger wird der Flurfunk.

Tonfall und Timing können entscheiden

Es erscheint beispielsweise wenig zielführend, die Belegschaft eines Unternehmens per Rundmail-Direktive zu einer sorgfältigeren Nutzung interner Ressourcenbuchungstools anzuhalten, wenn ein Großteil des Teams soeben an einem zeit- und kräfteraubenden Projekt teilgenommen hat und gerade primär ein Signal der Wertschöpfung braucht. Ebenso würde man die Neuauflage der Allgemeinen Geschäftsbedingungen ver­mutlich nicht in Form eines lustigen Face­book-Memos publizieren. Nicht nur der Ton macht heute die Musik, sondern auch der Kommunikationskanal und das Timing. Führungskräfte müssen heute die Rezeptionshaltung ihrer Adressaten antizipieren können. Das erfordert Einfühlungsvermögen und Empathie.

Ein prominentes Paradebeispiel für kommunikatives Vollversagen ist der Twitter-Kanal von Donald Trump – der den klaren Beweis erbringt, dass zuweilen schon 160 Zeichen genügen, um sich um Kopf und Kragen zu reden. Und zwar täglich. Auch die Social-Media-Aktivitäten des Mobilfunkanbieters O2 muten geradezu schizophren an: Während im Community-Bereich im Minutentakt Hasskommentare ob der schlechten Netzqualität und des offenbar nur rudimentär vorhandenen Kundenservice aufschlagen, postet das Unternehmen auf der offiziellen Facebook-Präsenz eine gut gelaunte Werbemitteilung nach der anderen. Zeit- und Geldverschwendung ist das, denn wer sich das Gesamtbild anschaut, der muss O2 einen umfassenden, ja ins Klinische lappenden Realitätsverlust unterstellen.

Dabei sein ist nicht alles

Für die interne wie die externe Kommunika­tion einer jeden Führungskraft gilt daher: Einfach in den sozialen Medien mitzu­machen – weil alle es ja tun – ist bestenfalls uneffektiv, schlimmstenfalls höchst schädlich. Nicht jeder Unternehmer oder jede Führungskraft muss zwingend jeden Kommunikationskanal bedienen. Es gibt nun mal begabte Twitterer, die in 160 Zeichen echte Poesie erschaffen können – und YouTuber, die mit erzählerischen und musischen Talenten begeistern. Ein anderer schreibt brillante Newsletter, die Menschen auch im Jahr 2017 freiwillig und gerne lesen. Ich empfehle, sich bei allen Kommunikationsmaßnahmen nicht nur über Inhalte, Empfänger, Rezeptionshaltung, Wort­wahl und Timing im Klaren zu sein, sondern auch gezielt genau die Kommunika­tionskanäle zu verwenden, die Sie wirklich gut – und gerne – bedienen können und wollen. Falls Ihnen die Twitterei nicht liegt – dann suchen Sie sich eben eine Art zu kom­munizieren, die Ihnen liegt und damit authen­tisch ist.

Kontakt: das.original@ressourcenmangel.de

 


Bildquelle: © Die Führungskräfte - DFK

Benjamin Minack ist Gründer und Geschäftsführer von ressourcenmangel. Die Agentur beschäftigt rund 150 Mitarbeiter an den Standorten Berlin, Hamburg, Dresden und Stuttgart.

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