Die Führungskraft ist das Medium

Stefan Riefler

von Stefan Riefler

In einem Branchendienst der HR-Szene fand sich kürzlich der Satz: „Führungskräften mangelt es an Digitalkompetenz.“ Es ging um den Einfluss der Digitalisierung auf ­Führung. Zentrale Charakteristika der Digi­talisierung seien Offenheit, Vernetzung, Par­­ti­zi­pation und Agilität. Ist die Frage des Schwerpunkts in diesem Heft richtig gestellt: „Welche Medien­kompetenz brauchen Führungkräfte“? Führt sie nicht automatisch zu den technischen Lösungen, die Führungskräfte heute anscheinend überfordern? Weil die Technik sich ständig überschlägt? Ist es für Führungskräfte nicht mindestens genauso wichtig, sich selbst als Medium zu verstehen, wie es der richtige Umgang mit Medien ist? Ein Ansatz.

Haltung ist Medienkompetenz

Man kann Medienkompetenz auch als etwas verstehen, was die Haltung, die Leadership-DNS der Führungskraft betrifft. Ist die Führungskraft im Unternehmen ein Medium, das Verbindungen herstellt? Das sich – nomen est omen – als Mittler sieht. Und das sich nicht selbst in den Mittelpunkt stellt, sondern die Inhalte. Das arbeitet und funktioniert wie Funkwellen, ohne die heute kein Smartphone Zugang zum Internet hätte. Führung heißt nicht nur Medium sein, aber wer sich als Führungskraft auch als Medium versteht, kommt authentisch rüber. Ganz im Sinne des bekannten Satzes des Medientheoretikers Marshall McLuhan: „The Medium is the message“, das Medium ist die Botschaft.

Medium zwischen Spitze und Basis

Führungskräfte sind Medien durch die Hierarchiestufen hindurch. Sie transportieren Strategien von ganz oben bis an die Basis. Oder auch nicht. Und ihre Medienfähigkeit, vom Gruppenleiter bis zum Bereichsdirektor, entscheidet, ob aus den unteren Regionen im Unternehmen etwas ganz oben ankommt. Das kann Kritik, es können Befindlichkeiten sein. Aber auch Ideen und Innovationen. Manches Unternehmen hat schon versagt, weil neue Ansätze an der sogenannten Lehmschicht, meist unterhalb der Abteilungsleiter, hängen geblieben sind. Wenn nicht Führungskräfte und Führungskultur den Informationstransport in einem Unternehmen oder einer Organisation leisten, dann tut es niemand.

Medium für die eigenen Mitarbeiter

Wer als Führungskraft nicht für Austausch zwischen seinen Mitarbeitern sorgt, hat ausgedient. Bei Streit im Team ist eine besondere Medienkompetenz, nämlich Mediationskompetenz, gefordert. Aber auch und vor allem im routinemäßigen Arbeitsalltag haben Leader für Austausch zu sorgen. Die Augen und Ohren offen zu halten, Signale geben, wo nötig. Medium sein heißt aber auch, sich mal rauszunehmen, nicht alle Vorgänge sehen und kontrollieren zu wollen. Medien haben einen großen Vorteil: Man kann sie ausschalten. Stets ansprechbar muss man als Führungskraft nicht sein. Führungskräfte sammeln Informationen, bewerten sie, bereiten sie auf und senden dann. Das gilt auch in Zeiten der sogenannten Echtzeitkommunikation. Echt muss nicht heißen immer und sofort.

Medium von und nach draußen

Führungskräfte repräsentieren ihre Einheit und ihr Unternehmen nach außen. Sie sind in dem, was sie tun und sagen, Kernmedien der Unternehmenskommunikation. Nicht nur, wenn sie den Kopf in eine Kamera halten oder in ein Mikrofon sprechen. Was sie von außen über das Unternehmen, den Bereich oder die Abteilung mitbekommen, sollten Sie nach innen vermitteln. Natürlich nicht, ohne auch hier zwischen wichtig und weniger wichtig zu unterscheiden. „Die Zeiten, in denen nur Pressesprecher kommunizierten, liegen hinter uns“, sagt Michael Bürker, Professor für Kommunikation und Marketing an der Hochschule Landshut. „ Auch Führungskräfte sind heute Kommunikatoren. Sie werden von Journalisten und Bloggern als Experten für ihre Themen direkt angesprochen. Einige betreiben eigene Blogs und treten selbst als Influencer auf. Damit sind sie zu Medien geworden“, weiß Bürker, der auch Partner der Kommunikationsagentur Script Consult in München ist. „In der Projektorganisation in Unternehmen trifft dies auch auf Projekt­leiter als Führungskräfte auf Zeit zu“, ergänzt der Medienexperte.

Führungskräfte sollen keine 1:1-Medien sein wie viele der sozialen Medien heute: Alles kommt rein bei Facebook, Twitter & Co., auch jeder Unfug findet dort Platz! Zum Job als Führungskraft gehört das, was viele der ­klassischen Medien seit Langem leisten: ­Auswahl und Bewertung. Das bedeutet Verantwortung, verlangt einen klaren Kopf und Entscheidungsfreude. Welcher von fünf Tweets ist es wert, weitergegeben und kommentiert zu werden? Die anderen bleiben hinter dem Gate.

Als Medium zeitnah sein

Führungskräfte brauchen Informationsvorsprung. Da sind sie auf Technik und gute Pre-Selektion, auf gut Deutsch Vorauswahl von Nachrichten angewiesen. Und es bedeutet, als Medium ist es kaum noch möglich, offline zu gehen. Medien werden strapaziert, Führungskräfte auch. Sich dabei selbst beobachten, Grenzen ziehen und ein Selbstverständnis als Medium leben, das kann nicht jeder.

Medium ist nichts Esoterisches

„Medium“ klingt für manchen esoterisch, nach spiritueller Sitzung. Das ist es nicht. Führungskräfte als Medium sind beweglich. Ihre Kompetenz entsteht nicht dadurch, dass sie den neuesten Hype aus der digitalen Welt kennen, sondern seine Bedeutung für Geschäft und Unternehmen einschätzen können.

 

Kontakt: Stefan.Riefler@KommMan.de

 


Bildquelle: © Die Führungskräfte - DFK

Stefan Riefler ist Inhaber einer Agentur für Kommunikationsmanagement in München. Daneben ist er Lehrbeauftragter für Kommunikation/PR und Markenthemen an Universitäten.

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