Unconscious Bias erkennen und überwinden Schwerpunkt Diversity & Inklusion

Katrin Heucher

von Katrin Heucher

„Ferdinand ist Physiker, ist doch klar, dass er die mitreißendsten Präsentationen im Unternehmen gibt!“ Kommt Ihnen dieser Satz komisch vor? Vielleicht sogar ironisch? Dann sind Sie wahrscheinlich in die Falle eines Unconscious Bias getappt, eine unbewusste Voreingenommenheit. Wir haben nämlich nicht gelernt, dass Physiker besonders mitreißend sind, sondern eher sachlich und logisch. Solche Vorurteile verhindern oftmals, dass man von vielfältigen Teams in Gänze profitiert.

Was beim Unconscious Bias im Gehirn passiert

Wie funktionieren diese Automatismen und wie kann man sie erkennen? Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman erklärt dies in seinem Werk „Schnelles Denken, Langsames Denken“ (2012) über System 1 und System 2. „Das ist wie Fahrradfahren, das verlernt man nicht.“ Ein typischer Satz, den wir alle kennen. Man hat etwas erlernt und es wird zum Automatismus. System 1 ist aktiv, würde Kahneman sagen. In unserem Alltag geht dieser Automatismus jedoch mit einigen Stolpersteinen mit Blick auf Diversität, Inklusion und Wertschätzung einher. Um Ressourcen zu sparen, tappt das Gehirn in die Falle des Unconscious Bias. Doch wie ihn überwinden?

Der Unconscious Bias ist ein Nebenprodukt unseres Entscheidungsmechanismus. System 1 agiert unbewusst und auf Instinkten basierend und ist deshalb besonders schnell. System 2 hingegen ist ressourcenintensiv und wird beispielsweise aktiv, wenn wir die Budgetplanung hinterfragen oder die Unternehmensstrategie für das folgende Jahr ausarbeiten. Üben wir eine anstrengende Tätigkeit häufiger aus, gehen diese Aktivitäten durch Lernen in den Bereich von System 1 über – wie das Fahrradfahren.

Generell ein gutes Prinzip, allerdings kommt System 1 manchmal zu Fehlschlüssen. Es gilt, diese aufzudecken und bewusst System 2 einzuschalten. Einschätzungen zu Personen und deren Fertigkeiten basieren z. B. oft auf den Sozialisationsprozessen, die in System 1 verankert sind. Damit prägt System 1 bzw. der Unconscious Bias unsere Einstellung zu Diversität maßgeblich. Um von den vielfach nachgewiesenen Vorteilen von vielfältigen Teams und Unternehmen zu profitieren, müssen wir bewusst System 2 einschalten, um einen möglichen Unconscious Bias zu erkennen und entsprechend entgegenzuwirken.

Führung beginnt mit Selbstführung

Um andere anzuleiten, sollte jeder bei sich selbst beginnen.

Maßnahmen bei sich selbst

  • Selbsttests, wie der „Harvard implizierte Assoziationstest“*, geben jedem die Möglichkeit, seine eigenen Vorurteile zu erkennen und damit aktiv umzugehen. 
  • Stellen Sie Ihre eigenen Annahmen in Frage und überprüfen Sie ihre Gültigkeit. Wenn Sie mit dem Leitsatz „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“ aufgewachsen sind, arbeiten Sie vielleicht lieber eine Stunde länger, statt pünktlich Feierabend zu machen. Das mag jedoch nicht unbedingt für Ihre Teammitglieder gelten. Solange die Projektziele erreicht werden, sollte jeder Gestaltungsfreiraum haben, seine Arbeit dem eigenen Typ entsprechend zu strukturieren, um optimale Ergebnisse zu erzielen.

Im Team

  • Hinterfragen Sie sich selbst und andere um Stereotypen zu durchbrechen. Wenn jemand sagt: „Maria wird diese Aufgabe nach der Geburt ihres Kindes sicherlich nicht mehr meistern können“, nicken Sie nicht stumm, sondern hinterfragen Sie, wieso dies so sein sollte, und legen Sie die Nutzung von System 1 offen.
  • Reflexion und Offenheit gegenüber anderen: Wenn Sie selbst offen mit diesem Thema umgehen und Ihre Schwächen und Vulnerabilität zeigen, werden andere sich auch öffnen und einen bewussten Umgang mit dem Thema ermöglichen.
  • Beginnen Sie die Konversation. Gehen Sie bewusst auf Menschen mit anderen Einstellungen und Überzeugungen zu. Statt sie von Ihrem Gesichtspunkt überzeugen zu wollen, stellen Sie Fragen und versuchen Sie nachzuvollziehen, woher bestimmte Überzeugungen kommen. So stärken Sie das gegenseitige Verständnis.

Im Unternehmen und im Verband

  • Verbünden Sie sich. Suchen Sie sich Partner. Ein altes afrikanisches Sprichwort besagt: „Wenn Sie schnell gehen wollen, gehen Sie alleine. Wenn Sie weit kommen wollen, gehen Sie gemeinsam.“ Verbinden Sie Ihre individuellen Aktivitäten mit denen Ihres Unternehmens, des Verbandes und der Politik.
  • Fordern Sie Unternehmensgrenzen heraus. Überlegen Sie, welche Art von Initiative in Ihrem Unternehmen undenkbar wäre, und versuchen Sie genau diese voranzutreiben. Ein LSBTIQ (Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transsexuell, Intersexuell, Queer) Netzwerk mag in manchen Unternehmen Normalität sein (schön!), wäre aber in anderen eine große Neuerung.

Der Unconscious Bias beeinflusst die Arbeit jeder Führungskraft und jedes Teammitglieds. Die Fehlschlüsse des eigenen Systems 1 zu erkennen und System 2 einzuschalten ist schwierig. Mit Achtsamkeit und Übung können wir vermeiden, in alte Muster zurückzufallen. Nur dann können die ökonomischen und finanziellen Vorteile eines von Diversität geprägten Teams und Unternehmens erreicht werden.

Kontakt: k.s.heucher(at)lboro.ac.uk

* Wissenschaftler der Harvard Universität haben einen Test entwickelt, um implizite Assoziationen (Vorurteile) zu überprüfen. Den offiziellen Online Test finden Sie hier: https://implicit.harvard.edu/implicit/germany/takeatest.html

Katrin Heucher forscht zu Customer Experience und beschäftigt sich mit Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Diversität im Team.


Bildquelle: © DIE FÜHRUNGSKRÄFTE – DFK

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