„Debatte über das Ende der Arbeit hat mit der Realität nichts zu tun“ Interview Andrea Nahles, Bundesministerin für Arbeit und Soziales

Andrea Nahles, Bundesministerin für Arbeit und Soziales

1. Das BMAS betont zu Recht, dass zu Industrie 4.0 das Thema Arbeit 4.0 immer hinzugedacht werden muss. Deshalb hat das Ministerium dazu nach einem „Grünbuch“ nun auch ein „Weißbuch“ aufgelegt. Wie zufrieden sind Sie mit der Arbeit am Weißbuch?Es war mir wichtig, den Dialog „Arbeiten 4.0“ breit zu organisieren, um die unterschiedlichen Sichtweisen einzubinden. Die Digitalisierung polarisiert stark, und wir müssen beide Seiten ernst nehmen – die zuversichtliche wie die besorgte. Wir haben Vertreter der Politik, der Sozialpartner, der Forschung und Wissenschaft, einzelne Unternehmen und Gruppen wie die Selbstständigen eng eingebunden. Im Ergebnis bin ich sehr zufrieden mit dem Prozess. Die Vorschläge des Weißbuchs sind konkret, ausgewogen und betonen auch die Chancen für Beschäftigte, zum Beispiel, wenn es um den Wunsch nach mehr Flexibilität und Selbstbestimmung bei der Arbeitszeit geht.

2. Was sind die wichtigsten Folgerungen aus dem Weißbuch Arbeit 4.0?

Die Debatte über das Ende der Arbeit hat mit der Realität nichts zu tun – die Beschäftigungsquote ist bei uns so hoch wie nie. Richtig ist aber, dass sich viele Tätigkeiten durch die Digitalisierung verändern werden. Das bereitet manchem Angst. Wir wollen die Menschen in diesem Übergangsprozess nicht allein lassen, sondern müssen ihnen Angebote machen. Deshalb müssen wir die Qualifizierung und Weiterbildung vorantreiben, damit die Beschäftigten auf Augen­höhe mit dem technischen Wandel arbeiten ­können.

3. Welche gesetzgeberischen Maßnahmen sind geplant, um die Erkenntnisse aus der Arbeit am Weißbuch umzusetzen?

Bevor wir abstrakte Gesetze machen, wollen wir erst einmal konkrete Lernräume schaffen – für ganz unterschiedliche Fragestellungen. Die Betriebe vor Ort sind näher dran und wissen am besten, was sie brauchen. Viele Beschäftigte hätten zum Beispiel gern mehr Möglichkeiten zur Selbstbestimmung bei der Arbeitszeit. Unternehmen und Belegschaften sollen daher ganz praxisnah in Experimentierräumen erproben können, welche neuen Formen von Flexibilität beiderseits von Vorteil sind – aber nur in gemeinsamer ­Verabredungskultur.

Außerdem brauchen wir eine nationale Weiterbildungsstrategie. Ich trete schon lange für die Idee einer Bundesagentur für Arbeit und Qualifizierung ein, die Arbeitnehmer mit Beratung und Qualifizierung durchs Erwerbsleben begleitet und nicht erst dann ins Spiel kommt, wenn die Arbeitslosigkeit droht. Wir haben gerade erfolgreich eine Weiterbildungsberatung der Bundesagentur für Arbeit in einigen Regionen getestet. Jetzt wollen wir eine lebensbegleitende Be­ratung schrittweise bundesweit einführen.

4. Wie sehen Sie die Rolle der Führungskräfte in einer Arbeitswelt 4.0? Muss es nicht einen Dreiklang geben aus Industrie 4.0, Arbeit 4.0 und Führung 4.0?

Ja, das wäre ideal. In vielen Betrieben, besonders im Mittelstand, muss mehr gemacht werden, gerade wenn es um Qua­lifizierung geht. Kompetente, moderne Führung wird für Unternehmen immer mehr zum entscheidenden Faktor, um sich wirtschaftlich erfolgreich aufzustellen, quali­fi­zierte Arbeits- und Führungskräfte zu gewinnen und langfristig zu binden. Deshalb tun Führungskräfte gut daran, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass ihre Beschäftigten möglichst lange gesund, motiviert und qualifiziert am Erfolg des ­Unternehmens mitwirken. Wir wollen hier sensibilisieren und motivieren, unter anderem mit der „Initiative Neue Qualität der Arbeit“, einem gemeinsamen Forum von Politik, Sozialpartnern, Kammern und Bundesagentur für Arbeit, indem wir Impulse setzen und Experimentierräume zur Gestaltung der Arbeitsbedingungen der Zukunft schaffen.

5. Die Gesellschaft wird immer individualisierter. Was bedeutet das für das Arbeitsleben und den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft?

Lebensentwürfe werden immer vielfältiger, und das gilt auch für die Bedürfnisse der Menschen in der Arbeitswelt. Dieser Vielfalt Rechnung zu tragen, ist eine der großen Herausforderungen für Unternehmen, Sozialpartner und Politik. In einer Arbeitswelt, die immer mehr auf das Individuum ausgerichtet ist, brauchen wir mehr denn je gemeinsame Interessenvertretungen. Tarifgemeinschaften, Mitbestimmung im Betrieb und der bewährte soziale Dialog sind unverzichtbar, um den digitalen Wandel erfolgreich zu gestalten. Eine starke Sozialpartnerschaft wird auch in Zukunft der Schlüssel des wirtschaftlichen Erfolgs bleiben.


Bildquelle: © BMAS/Werner Schuering

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