Fettnäpfchen und Landkarten: Ist interkulturelle Führungskompetenz noch relevant? Schwerpunkt Diversity & Inklusion

Maika Kretschmer

von Maika Kretschmer

In einer Welt, in der selbst an den entlegensten Orten Filme über Bildschirme flimmern, die wir ebenso in Deutschland, USA oder Großbritannien sehen, an denen Musik – meist westliche – aus den Radios und „personal devices“ dröhnt, wo dank des Internets, Englisch wohl dominanter ist als jemals zuvor, da könnte man annehmen, dass kulturelle Unterschiede längst der Vergangenheit angehören oder zumindest nicht mehr sonderlich bedeutsam sind.

Warum erreichen dann immer mehr Hilferufe interkulturelle Berater und Coaches? Warum erscheinen in steigender Zahl Studien, Artikel und Bücher zum Thema kulturelle Vielfalt? Warum beschäftigt sich diese Ausgabe mit Diversity und Inklusion?

Einer muss da endlich mal aufräumen

Weil das Thema heißer ist denn je! "Wir brauchen Dich da drüben. Einer muss da endlich mal aufräumen." „Wir haben extra einen Prozess definiert und denen erklärt, was zu tun ist. Und nichts davon setzen sie um". Vielleicht kennen Sie ähnliche Sätze oder haben sie selbst schon formuliert. Das wäre nichts Ungewöhnliches. Hier befinden Sie sich exakt im interkulturellen Spannungsfeld. Hier gibt es Nerven zu verlieren und vor allem Vertrauen. Und: In diesem Spannungsfeld liegt das größte Entwicklungspotenzial für Führungskräfte. David Livermore, führender Wissenschaftler und Autor, sagt: „Cultural Intelligence: The essential intelligence for the 21th century.“

Wertschätzung kultureller Diversität

Im Zeitalter der Globalisierung sind Anerkennung, Verstehen und Wertschätzung kultureller Diversität wichtiger als je zuvor. Sie ist erfolgskritisch – kulturelle Vielfalt ist keine Begleiterscheinung, sondern entscheidet künftig über das wirtschaftliche Überleben eines Unternehmens. Deshalb sind hier insbesondere Führungskräfte gefragt, sich auf diesem –häufig noch– dünnen Eis zu bewegen. Dieses Eis wird jedoch rasch fester, sobald man sich ein viel breiteres, reichhaltigeres Spektrum kulturspezifischer Arbeitsstile zugelegt hat. Das wiederum geht weder schnell, noch ist es leicht. Es ist äußerst komplex – und es macht Spaß! Was also können Sie tun, um damit mal anzufangen?

Springen Sie! Fettnäpfchen sind die wahren Entwicklungskatalysatoren.

Versuchen Sie die Zurückhaltung abzulegen, über kulturelle Unterschiede zu sprechen. Im Gegenteil, machen Sie sie zum Thema, auch wenn Sie Sorge haben, zu stereotypisieren oder sich politisch inkorrekt auszudrücken. Die wahre Entwicklung passiert genau in dem Moment, in dem Sie sich in einem Fettnäpfchen wiederfinden. Dann heißt es reflektieren und Verhalten akkulturalisieren.

Ein Beispiel: Eine erfahrene deutsche Top-Managerin führt in ihrem global aufgestellten Team u. a. eine Japanerin. Zwei Jahre vergingen, in denen sie keinen Zugang zu ihrer Mitarbeiterin fand. Skepsis und Misstrauen wuchsen. Eine simple Idee führte die Änderung herbei: Sie sendete ein Foto von sich und ihrem Haus mit einem blühenden Kirschbaum an die japanische Kollegin. Sofort erhielt sie eine ganz persönliche Antwort. Ab diesem Moment entwickelte sich eine vertrauensvolle und starke Arbeitsbeziehung. Der Schlüssel war der persönliche Bezug. Ein scheinbar naheliegender Gedanke, doch im Alltagsgeschehen ...

Erin Meyer, Professorin an der renommierten INSEAD Business School, schreibt in ihrem Buch „Culture map“, „When we worked in offices surrounded by others from our own tribe, awareness of basic human psychological needs and motivations, as well as a sensitivity to individual differences was enough. But as globalization transforms the way we work, we now need the ability to decode cultural differences in order to work effectively with clients, suppliers, and colleagues from around the world.”

Konsequenterweise gilt es also das Dekodieren kulturell geprägter Verhaltensweisen zu erlernen und die steigende Diversität innerhalb von Teams zu übersetzen, in die Art zu motivieren, zu kommunizieren, Feedback zu geben, zu überzeugen, zu delegieren usw..

Landkarten zu Kulturen

Dafür legen interkulturell kompetente Führungskräfte Landkarten zu Kulturen an, ergründen Bedürfnisse und Werte ihres Teams und entwickeln Strategien, die auf  Diversität fußen, statt sie auszublenden. Inklusion und Vielfalt wird nicht länger als Quälerei, sondern als Geschenk verstanden, das die wirtschaftliche Zukunft bestimmt.

Ihr Wegweiser:

  1. Identifizieren Sie Ihre interkulturellen „blind spots“ (Fettnäpfchen helfen).

  2. Stärken Sie Ihr Team, indem Sie positive Aspekte von Diversität betonen und Strategien implementieren, die die Wichtigkeit des kulturellen Bewusstwerdens unterstreichen.

  3. Entwickeln Sie interkulturelle Führungs-Skills und trainieren Sie, kulturspezifisch zu motivieren, kommunizieren, Feedback geben, überzeugen, delegieren, entscheiden usw.

Wir wissen seit Langem, dass das Potenzial eines Teams umso größer ist, je diversifizierter es ist. Wenn Führungskräfte also lernen, intensiv die Vorteile diverser Denkweisen zu ergründen (z. B. einer gibt Feedback, der andere hört eine persönliche Beleidigung), werden kulturelle Unterschiede zu einem der größten Pluspunkte Ihres Teams.

Kontakt: maika.kretschmer(at)icunet.ag

Maika Kretschmer ist Business Coach und interkulturelle Trainerin.


Bildquelle: © DIE FÜHRUNGSKRÄFTE – DFK

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