Chancengleichheit geht alle an Schwerpunkt Diversity & Inklusion

Henrike von Platen

Die Finanzexpertin Henrike von Platen initiierte das FairPay-Bündnis, brachte das „Gesetz zur Förderung der Transparenz von Entgeltstrukturen“ mit auf den Weg und berät Wirtschaft und Politik bei der Um­setzung von Lohngerechtigkeit im Unternehmensalltag. Für die Perspektiven sprach der Vorstands­vorsitzende des Berufsverbandes DIE FÜHRUNGSKRÄFTE – DFK, Dr. Ulrich Goldschmidt, mit ihr.

Goldschmidt: Wir treffen uns am Rande des Women20 (W20) – Summits 2017 in Berlin. Viele erfolgreiche Frauen aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft kommen hier zusammen, um über „die wirtschaftliche Stärkung von Frauen“ zu sprechen. Dabei u. a. Angela Merkel, Christine Lagarde und Ivanka Trump. Angesichts so vieler Erfolgsgeschichten: Braucht es tatsächlich immer noch eine spezielle Förderung von Frauen?

Von Platen: Natürlich ist es großartig, wenn Kinder heute ihre Eltern fragen, ob eigentlich auch Jungs Bundeskanzlerin werden können. Anders als noch ihre Großmütter starten junge Frauen hervorragend ausgebildet ins Berufsleben und stehen finanziell auf eigenen Beinen. Das ist nicht zuletzt ganz gezielter Frauenförderung zu verdanken. Am Ziel sind wir trotzdem noch nicht: Noch immer sind Frauen sehr viel seltener in Führungspositionen zu finden, noch immer verdienen sie weniger als Männer, noch immer ist es mit der finanziellen Unabhängigkeit ganz schnell vorbei, sobald sie eine Familie gründen. Solange das so ist, braucht es Frauenförderung.

Sie erkennen eine anhaltende Benachteiligung von Frauen im Berufsleben? Woran machen Sie das fest?

Nicht zuletzt an den Zahlen! Frauen verdienen im Schnitt 21 % weniger als ihre männlichen Kollegen. Anders gesagt: Aufs Jahr gerechnet, arbeiten Frauen für das gleiche Geld 77 Tage mehr. Und zwar nicht, weil sie schlechter qualifiziert sind oder in Teilzeit arbeiten, sondern einzig und allein aufgrund ihres Geschlechts. Die Lohnlücke hält sich hartnäckig: In den letzten 100 Jahren hat sie sich um nur 1 % pro Jahrzehnt geschlossen. Wenn wir in diesem Schneckentempo weitermachen, haben wir bis zur Lohngerechtigkeit noch 210 Jahre vor uns. Darauf macht seit zehn Jahren der Equal Pay Day öffentlichkeitswirksam aufmerksam. In 2017 fiel er auf den 18. März. Ein Ende der Benachteiligung ist erst erreicht, wenn wir den Equal Pay Day an Neujahr feiern.

Ist es eigentlich richtig, bei der Gleichstellung von Frauen im Berufsleben von einem Diversity-Thema zu sprechen, oder ist es eher ein Gender-Thema?

Gleichstellung als Diversity-Thema zu begreifen, ist ein weit verbreiteter, aber großer Irrtum! Frauen sind schließlich keine Minderheit oder Randgruppe, sondern die Hälfte der Menschheit. Der zweite Irrtum besteht darin, Gleichstellung als Frauenthema zu begreifen. Gleichstellung, Chancengleichheit und faire Bezahlung geht alle an, Frauen wie Männer, Wirtschaft wie Politik, die gesamte Gesellschaft.

Lassen Sie uns auch über Geld reden. Was ist der „Gender Pay Gap“? Da schwirren ja die unterschiedlichsten Zahlen durch die Welt.

Das stimmt, da gibt es bereinigte und unbereinigte Zahlen, mal fallen sie höher aus, mal niedriger. Es wird allerdings nichts bereinigt, sondern erklärt. Es gibt eine reale Lohnlücke von 21 % und einen unerklärbaren Rest, unterschiedlich groß, je nachdem, wer ihn errechnet. Kritiker unterstellen ja gern, dass es Zufall oder eine persönliche Entscheidung ist, wenn Frauen von bestimmten Einflussfaktoren mehr betroffen sind als Männer. Doch egal wie sie rechnen, am Ende bleibt immer noch ein Restbetrag, den man nicht anders erklären kann als „verdammt dreckig“, nämlich durch Geschlecht. Sogar das – vermeintlich sauber rechnende – Institut der deutschen Wirtschaft ermittelt einen Gender Pay Gap von 2 %, und das Statistische Bundesamt kommt auf 7 %. Das sei aber nicht schlimm genug, dass der Staat deswegen handeln müsse. Was die Herren wohl zu einer Gehaltskürzung von 7 % sagen würden – ist doch nicht so schlimm!

Wir rechnen so einfach wie möglich: Wir vergleichen den Lohn von berufstätigen Frauen – brutto pro Stunde – mit dem Lohn von berufstätigen Männern – brutto pro Stunde. Und zwar immer den Durchschnitt: Alle Frauen, alle Männer, alle Branchen, alle Berufe, alle Unternehmen, alle Altersklassen, alle Regionen usw. Ganz einfach. Wir vergleichen nicht Angela Merkel und Martin Winterkorn, sondern Max Mustermann und Marta Musterfrau. Und in diesem Vergleich sind 21 % die reale Lücke. Das bestätigt auch das Statistische Bundesamt, ganz offiziell.

Wird das neue Entgelttransparenzgesetz für Abhilfe sorgen? Muss man sich künftig keine Sorgen mehr um eine Diskriminierung von Frauen im Arbeitsleben machen?

Das Gesetz allein wird die Lohnlücke nicht aus der Welt schaffen – aber es macht die strukturellen Benachteiligungen sichtbar, die sich in den Statistiken niederschlagen. Abstrakt wissen wir, dass es sie gibt, aber sie sind uns nicht bewusst. Viele Frauen wissen gar nicht, dass sie weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Das Gesetz sorgt in Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten für Transparenz und macht die Ungerechtigkeiten sichtbar, bewusst und konkret. Vor allem aber hilft das Gesetz Unternehmen, für gerechte Bezahlung zu sorgen. Ich kenne kein einziges Unternehmen, das seine Beschäftigten nicht gerecht bezahlen möchte! Seine Wirkung kann dieses Gesetz allerdings nur entfalten, wenn ab inkrafttreten alle Beschäftigten auch nach der dann möglichen Transparenz fragen. Wir müssen alle viel mehr über Geld sprechen.

Was muss sich konkret ändern, damit wir, sagen wir in zehn Jahren, über Benachteiligung von Frauen im Berufsleben überhaupt nicht mehr sprechen müssen? Wer muss es richten? Der Gesetzgeber? Die Unternehmen? Die Männer? Oder gar die Frauen selbst?

Faire Bezahlung ist von heute auf morgen möglich – wenn jeder und jede ab heute fair bezahlt, haben wir schon morgen Entgeltgerechtigkeit erreicht! Es gibt kein Allheilmittel, aber es kann sehr schnell gehen, wenn wir es wollen. Mein Ziel ist es, den 13. und letzten Equal Pay Day am 1. Januar 2020 zu feiern. Dazu müssen wir die Gesetze in den Unternehmen umsetzen und anwenden. Und das wird ganz konkrete Folgen haben: Wenn Frauen besser bezahlt werden, werden sie weniger oft zu Hause bleiben. Lohngerechtigkeit geht alle an: Wirtschaft und Politik, Männer wie Frauen. Es ist Unsinn, Frauen in Seminare zu schicken, in denen sie besser verhandeln lernen. Wir müssen endlich aufhören, die Lohnlücke als „Frauenthema“ zu begreifen. Die Diskriminierung von Frauen und von Männern ist ein gesamtgesellschaftliches Thema – wenn wir mehr Frauen in Aufsichtsräten sehen möchten, brauchen wir mehr Väter in Elternzeit. Wenn Unternehmen davon ausgehen, dass jeder und jede Elternzeit nehmen oder in Teilzeit gehen könnte, werden Frauen nicht mehr diskriminiert. All diese Stereotypen in unser aller Köpfe haben – bewusst oder unbewusst – Ungleichbehandlung zur Folge. Das zu ändern, schaffen wir nur gemeinsam.

Angela Merkel wurde auf dem W20-Podium von der Moderatorin gefragt, ob sie Feministin sei. Die Antwort geriet etwas zögerlich. Nun geht die Frage an Sie: Sind Sie Feministin, Frau von Platen?

Wenn Feminismus bedeutet, die Ursachen der Entgeltungleichheit zu beseitigen, für echte Chancengleichheit zu kämpfen und den gesellschaftlichen Wandel so lange voranzutreiben, bis keine Frau auf der Welt mehr benachteiligt wird – ja, dann bin ich Feministin!

Vielen Dank für das Gespräch.

Kontakt: www.von-platen.de


Bildquelle: © Oliver Betke

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