Europäischer Vergleich und Forderungen an Politik Schwerpunkt Mitarbeiterkapitalbeteiligung

Dr. Heinrich Beyer
Es fehlt eine „Initiative Mitarbeiterkapitalbeteiligung“

von Dr. Heinrich Beyer

Mitarbeiterkapitalbeteiligung ist zunächst eine originär unternehmerische Aufgabe: Die Unternehmen schaffen sich durch die Ausgabe von Aktien oder, im Mittelstand, die Einrichtung einer stillen Beteiligung einen Vorsprung im Wettbewerb um qualifizierte Fach- und Führungskräfte, erzielen damit (empirisch nachweisbar) insgesamt eine bessere Performance und bilden Eigenkapital.

Die Mitarbeiter profitieren gleichermaßen: Die Beteiligung am Kapital des eigenen Unternehmens fördert eine partnerschaftliche Zusammenarbeit und wertet die Stellung der Beschäftigten als Mit-Eigentümer deutlich auf. Sie erfahren Wertschätzung, profitieren am Erfolg der gemeinsamen Arbeit und bekommen Zugang zu einer renditestarken Anlageform für ihren Vermögensaufbau.

Schließlich kann mehr Mitarbeiterkapital­beteiligung maßgeblich dazu beitragen, breiten Schichten der Bevölkerung die Teilhabe am Erfolg der Wirtschaft zu eröffnen und dadurch einen wesentlichen Beitrag zu mehr Vermögensbildung und Altersvorsorge zu leisten.

Mehr Teilhabe am Kapital der Unternehmen kann die zunehmende Spaltung der Gesellschaft in Kapitaleigentümer und bloße Einkommensbezieher abbauen.

Schlusslicht Deutschland

Trotz der vielen in Wissenschaft und unternehmerischer Praxis nachgewiesenen Vorteile führt die Mitarbeiterkapitalbeteiligung in Deutschland noch immer ein Schattendasein. Nur zwei Prozent der Unternehmen haben entsprechende Programme eingerichtet, an denen sich etwa zwei Millionen ­Arbeitnehmer als Belegschaftsaktionäre oder stille Gesellschafter beteiligen.

Wie wenig dies im internationalen Vergleich ist, verdeutlichen Zahlen zur Belegschaftsaktie. So geht die in Brüssel ansässige European Federation of Employee Share Ownership (EFES) in ihrem Annual Economic Survey of Employee Share Ownership in European Countries 2017, in dem Daten zu Belegschaftsaktien aus 2.560 Unternehmen in 32 Ländern erhoben wurden (Deutschland 231 Unternehmen), davon aus, dass in Deutschland ca. 780.000 Mitarbeiter (ohne Führungskräfte) Aktien ihres Arbeit gebenden Unternehmens halten; in Frankreich sind es ca. drei Millionen und in Großbritannien ca. zwei Millionen Mitarbeiter-Aktionäre.

Im Hinblick auf den Anteil des Mitarbeiterkapitals am Stammkapital der Unternehmen liegt Deutschland mit 0,9% auf Rang 18 von 32 Ländern. Der Anteil der Mitarbeiteraktionäre an der gesamten Belegschaft hat sich in den vergangenen drei Jahren zwar leicht auf 18,4% erhöht, im europäischen Durchschnitt sind es aber 29,6%.

Insgesamt liegt Deutschland bei allen unter­suchten Ausprägungen der Mitarbeiterkapi­tal­beteiligung unter dem europäischen Durch­schnitt.

Die Ursache für die geringe Verbreitung der Mitarbeiterkapitalbeteiligung in Deutschland liegt – darin sind alle Experten und Wissenschaftler einig – in dem mit 360 € zu niedrigen Freibetrag für Investitionen in das eigene Unternehmen. In den Niederlanden sind es 1.200 €, in Österreich 4.500 €, in Italien 2.100 €, in ­Ungarn 3.200 € und in Großbritannien 3.500 €.

EFES fasst den Befund einfach und deutlich zusammen: „Fiscal incentives are indispensable prerequisites for the development of employee share ownership.”

Im Hinblick auf die Unternehmen werden beispielweise nicht nur innovative Lösungen zur Überwindung temporärer Ertrags- und Liquiditätsdefizite derart verhindert – wie die während der Finanzkrise diskutierten Möglichkeiten zur Sicherung der Unternehmen durch „Beteiligung statt Lohnverzicht“. Insgesamt bleiben viele Möglichkeiten einer nachhaltigen Personal-, Vergütungs- und Versorgungspolitik ungenutzt.

Wie zielgenau eine gut durchdachte Förderung gestaltet werden kann, zeigt das Beispiel Österreich: Im Rahmen der neuen Förderung von „Ankeraktionärsmodellen“ wird bei kollektiver Stimmrechtsausübung und langer Sperrfrist die steuerliche Förderung von Aktienzuteilungen auf jährlich 4.500 € angehoben. Unabhängig davon, wie man diese spezielle Zielsetzung bewertet, verweist das Beispiel auf den politischen Gestaltungsspielraum, der in Deutschland in Zukunft hoffentlich besser ausgeschöpft wird.

Mitarbeiterkapitalbeteiligung besser fördern – Forderungen und Vorschläge

Der Bundesverband Mitarbeiterkapitalbetei­ligung und andere Verbände fordern von der Politik schon seit Langem eine bessere steuer­liche Behandlung bzw. Förderung der Kapitalbeteiligung.

1.    Novellierung des Mitarbeiterkapitalbeteiligungsgesetzes:

Die Erhöhung des steuer- und sozialabgabenfreien Freibetrags nach § 3,39 EStG von 360 € pro Jahr auf europäisches Niveau von mindestens 3.000 € wäre eine angemessene Form der steuerlichen Förderung.

2.    Rechtliche Unsicherheiten und bürokratische Hemmnisse beseitigen:

Die Einführung von Mitarbeiteraktienprogrammen ist in vielen Fällen mit einem hohen büro­kratischen Aufwand verbunden, der auf die Unternehmen abschreckend wirkt. Die Entbürokratisierung der Belegschaftsaktie und die Erhöhung der Rechtssicherheit für mezzanine Beteiligungen sowie marktgerechte Maßgaben für die Bewertung von mittelständischen und nicht börsennotierten Unternehmen sind Beispiele für abzubauende Hemmnisse.

3.    Nachgelagerte Besteuerung von langfristigen

Mitarbeiterkapitalbeteiligungen:Mitarbeiterkapitalbeteiligungen und andere Formen der Vermögensbildung, die verstärkt auf kapitalmarktbasierte Anlageprodukte setzen, können dazu beitragen, dass wesentlich mehr Altersvorsorgevermögen gebildet wird. Von daher wäre es ausgesprochen sachgerecht, wenn für langfristige vorsorgeorientierte Mitarbeiterkapitalbeteiligungen die gleichen steuerlichen Bedingungen gelten würden wie bei der Förderung der betrieblichen Altersversorgung.     

  • Ein Vorschlag wäre ein Freibetrag für die nachgelagerte Besteuerung für Einlagen im Rahmen eines Mitarbeiterkapitalbeteiligungsprogramms in Höhe von zum Beispiel 3.000 € p.a.  
  • Alternativ könnte der Freibetrag für die betriebliche Altersversorgung auch für die Mitarbeiterkapitalbeteiligung geöffnet werden. 
  • Darüber hinaus sollte die steuerunschädliche Übertragung von Mitarbeiterkapitalbeteiligungskapital in die betriebliche Altersversorgung vorgesehen werden.

4.    Angebote für eine Insolvenzsicherung:

Wenn Mitarbeiterkapitalbeteiligungen und andere Formen der langfristigen Vermögensbildung und Altersvorsorge gegen InsoIvenz und Wertverlust abgesichert werden sollen, kann dies zum Beispiel durch Programme der Bürgschaftsbanken der Bundesländer oder der KfW oder des Pensionssicherungsvereins erfolgen.

5.    „Initiative Mitarbeiterkapitalbeteiligung“:

  • In vielen Ländern Europas und im angelsächsischen Raum ist die finanzielle Beteiligung der Mitarbeiter deutlich weiter verbreitet als in Deutschland. Dies hat im Wesentlichen fünf Gründe:    
  • ein günstiges institutionelles Umfeld – Politik, Verbände und Gewerkschaften promovieren das Thema einvernehmlich,
  • weniger Zurückhaltung bei den Unternehmen, wenn es darum geht, entsprechende Programme anzubieten,
  • auf Seiten der Arbeitnehmer eine höhere Bereitschaft, entsprechende Einlagen zu tätigen,
  • eine ausgeprägte Aktien- und Beteiligungskultur und vor allem
  • zum Teil massive steuerliche Anreize.

Dies ist die Agenda, die es abzuarbeiten gilt, wenn das Thema in Deutschland vorangebracht werden soll.

Was heute fehlt, ist eine „Initiative Mitarbeiterkapitalbeteiligung“ – ein Vorstoß von Politik, Verbänden und Gewerkschaften für mehr Teilhabe und Vermögensbildung in Deutschland.

Kontakt: info(at)agpev.de

Dr. Heinrich Beyer ist seit 2006 Geschäftsführer des Bundesverbandes Mitarbeiterkapitalbeteiligung – AGP. Nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann und dem wirtschaftswissenschaftlichen Studium war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel und zugleich Leiter verschiedener Projekte der Bertelsmann Stiftung und der Hans-Böckler-Stiftung. 1995 wechselte er als Referats­leiter zur Bertelsmann Stiftung nach Gütersloh und 1999 als kaufmännischer Geschäftsführer zu einem mittelständischen Unternehmen. Heinrich Beyer unterstützt Unternehmen bei der Einführung ihres Beteiligungsprogramms und berät Politik und Verbände. Er ist Autor verschiedener Publikationen zu den Themen Unternehmensführung und Mitarbeiterkapitalbeteiligung.


Bildquelle 1: © DFK - Verband für Fach- und Führungskräfte

Bildquelle 2: © geralt, Pixabay

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