Belegschaftsaktien in deutschen Großunternehmen Schwerpunkt Mitarbeiterkapitalbeteiligung

Prof. Dr. Rainer Sieg
Außerhalb Deutschlands ist Mitarbeiterkapitalbeteiligung kein zartes Pflänzchen

von Prof. Dr. Rainer Sieg

Die bei Weitem dominierende Form von Mitarbeiterkapitalbeteiligung in Deutschland sind die Belegschaftsaktien. Rund 1,5 Mio. Mitarbeiter bzw. zwei Drittel aller Beschäftigten mit einer Form von Betei­li­gung nehmen diese Variante in Anspruch. Eine Vorreiterrolle kommt dabei zweifellos den großen börsen­notierten Unternehmen zu.

Weil die Datenlage zur aktuellen Situation von Belegschaftsaktien-Angeboten und Belegschaftsaktionären in deutschen Großunternehmen nach wie vor ungenügend ist, hat der Mitarbeiteraktionärsverein „WIR für SIEMENS“ eine von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie bei der Universität Regensburg in Auftrag gegeben.

Die Professoren Thomas Steger und Rainer Sieg sollten Verbreitung und Organisationsgrad von Belegschaftsaktien sowie deren Modelle und arbeitgeberseitige Förderung in börsennotierten deutschen Großunternehmen (Dax, MDax, TecDax und SDax) untersuchen. Die wesentlichen Ergebnisse der Studie (Thomas Steger, Rainer Sieg: Belegschaftsaktien in deutschen Großunternehmen – Herausforderungen und Chancen für die Mitbestimmung, Mitbestimmungs-Report Nr. 38) werden im Folgenden dargestellt:

Historie der Einführung von Belegschaftsaktien-Angeboten

Die Pioniere der Einführung von Belegschaftsaktien waren Bayer (1953) und RWE (1958).

In den 1960er-Jahren folgten VW, die Commerzbank, Siemens und Südzucker.

In den 1970er- und 1980er-Jahren war die Dynamik mit fünf Unternehmen bzw. zwei Unternehmen, die neu Belegschaftsaktien auflegten, eher gering. Dies änderte sich in den 1990er-Jahren mit elf neuen Unternehmen, vor allem aber nach der Jahrtausendwende mit 37 bzw. seit 2010 mit bereits 34 Unternehmen, die erstmals ein entsprechendes Programm einführten.

Aktuelle Verbreitung von Belegschaftsaktien

Von den 160 untersuchten Großunternehmen praktizieren aktuell 112 (= 70%) irgendeine Form von Belegschaftsaktien. Ein Blick auf die vier Indizes zeigt eine weitgehende Gleichverteilung (Dax 73% / MDax 66% TecDax 77% / SDax 68%). Elf Unternehmen (6%) mit Belegschaftsaktien-Programmen in der Vergangenheit haben derzeit keine mehr (Dax 6, z.B. VW und thyssenkrupp) / MDax 3 / TecDax 1 / SDax 1). Drei Unternehmen (2%) praktizieren zwar im Moment noch kein Belegschaftsaktien-Programm, haben es aber für die Zukunft fest geplant.

Die Einführung von Belegschaftsaktien basiert meist auf einer komplexen unternehmenspolitischen Entscheidungsfindung und benötigt einen (Minimal-)Konsens unter den Hauptakteuren, insbesondere Vorstand, Personal- und Finanzabteilung und Arbeitnehmervertretungen.

Ein Vergleich mit führenden westlichen Industrieländern (insbesondere Frankreich, Großbritannien, USA) zeigt, dass es in deutschen Unternehmen beim Angebot von Belegschaftsaktien noch Optimierungsmöglichkeiten, mit Blick auf den globalen ­Arbeitsmarkt oft sogar Optimierungsnotwendigkeiten gibt.

Gründe für die Einführung

Am häufigsten wurden monetäre Gründe für die Einführung genannt, konkret Belegschaftsaktien als Teil der (variablen) Vergütung oder als Instrument, die Mitarbeiter am Erfolg des Unternehmens zu beteiligen.

Weniger häufig genannt wurden eher „weiche“ Gründe für die Einführung von Belegschaftsaktien, nämlich die Erhöhung der Mitarbeiterbindung, der Motivation, des unternehmerischen Denkens und der Identifikation mit dem Unternehmen.

Etwas überraschend erweisen sich drei „klassische“ Motive für Belegschaftsaktien als derzeit von nachrangiger Bedeutung. So wurden Altersvorsorge / finanzielle Unterstützung lediglich sieben Mal genannt, die Stärkung der Mitbestimmung sechs Mal und die Abwehr von Übernahmen nur ein einziges Mal.

Zielgruppen

In 43 Unternehmen werden die Belegschaftsaktien allen Mitarbeitern angeboten – man könnte hier von „demokra­tischen“ Modellen sprechen. Daneben gibt es allerdings auch eher „elitäre“ Programme – in 16 Unternehmen werden Belegschaftsaktien exklusiv nur den Führungskräften angeboten, in 27 Unternehmen sogar nur den Vorstandsmitgliedern. Zudem gibt es 25 Unternehmen, vorwiegend aus dem Dax, die verschiedene Programme für unterschiedliche Zielgruppen aufgelegt haben.

Formen und Modelle von Belegschaftsaktien

Die Ausgestaltung der Belegschaftsaktien-Angebote ist in den börsennotierten deutschen Großunternehmen sehr unterschiedlich. 25 Unternehmen beschränken ihr Belegschaftsaktien-Modell darauf, den angebotenen steuerlichen Freibetrag (von derzeit 360 €) auszuschöpfen.

23 Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern Aktien des Unternehmens zum Vorzugspreis an. Etwas seltener werden Matching-Modelle genannt, nämlich sechs Mal sogenannte ex-post-Modelle (d.h. mit einer Belohnung in Form von zusätzlichen Aktien nach Ablauf einer Haltefrist) bzw. neun Mal sogenannte ex-ante-Modelle (d.h. mit einer Belohnung in Form von zusätzlichen Aktien direkt beim Kauf). Gratisaktien finden sich bei sechs Unternehmen, Wandelanleihen bei vier Unternehmen.

Auffällig ist, dass modernere Formen von ­Belegschaftsaktien mittlerweile relativ stark verbreitet sind. 27 Unternehmen vergaben Stock Options, 26 Unternehmen virtuelle Belegschaftsaktien und sechs Unternehmen Stock Awards.

Halteanreize/-fristen

96 Unternehmen verknüpfen Belegschaftsaktien-Modelle mit Haltefristen, die von sechs Monaten bis zu über sieben Jahren reichen. Sie haben überwiegend obligatorischen Charakter, lediglich in vier Fällen wird versucht, mittels Anreizen die Einhaltung einer Haltefrist zu erwirken. Nur fünf Unternehmen sehen in ihrem Belegschaftsaktien-Programm keine Haltefrist vor.

Anteil der Mitarbeiter am Aktienkapital

Beim Anteil der Belegschaftsaktionäre am gesamten Aktienkapital des Unternehmens sticht  im SDax Bertrandt heraus, wo die Belegschaft 9% des Aktienkapitals hält, womit sie Rang 3 unter den wichtigsten Aktionären einnimmt. Bei Koenig & Bauer halten die Belegschaftsaktionäre 8% des Aktienkapitals (Rang 5), wobei 3% auf die Mitarbeiter entfallen. Bei Hypoport vereinigen die Belegschaftsaktionäre 5% des Aktienkapitals (Rang 5) auf sich, dabei besitzen die Mitarbeiter 2%.

Auch im TecDax gibt es auffällige Beispiele: Bei Evotec halten die Belegschaftsaktionäre 3% (Rang 4); hier handelt es sich aber explizit um das Management und einige ausgewählte Mitarbeiter. Auch bei Qiagen vereinigen die Belegschaftsaktionäre 3% des Aktienkapitals auf sich (Rang 4).

Im Dax ist Siemens Spitzenreiter. Hier halten die Belegschaftsaktionäre 5% des Aktienkapi­tals (Rang 3), wobei je die Hälfte auf aktive Mitarbeiter und Ruheständler entfällt.

Anteil der Mitarbeiter mit Belegschaftsaktien

Beim Anteil der Mitarbeiter, die Belegschaftsaktien halten, stechen Siemens (80%), die Deutsche Beteiligungs AG (79%), die Hamburger Hafen & Logistik AG (77%) sowie die Deutsche Bank (60%) hervor. In einzelnen Angebotsjahren konnten auch bei BASF, Deutscher Post, Linde und Münchener Rück Spitzenwerte bei der Beteiligung von 80% – 97% erreicht werden.

Mitarbeiteraktionärsvereine

In fünf deutschen Unternehmen (Bilfinger, Evonik, Siemens, Tui, VW) haben sich Mit­ar­beiter, um ihre Interessen z.B. in Hauptversammlungen zu bündeln, zu Aktionärsvereinen zu­sammengeschlossen. Den Mit­arbei­teraktio­­närsvereinen geht es vor allem darum, Einfluss auf die Unternehmenspolitik i. S. v. Nachhaltigkeit und Arbeitsplatzerhalt auszuüben (Ankeraktionär gegenüber kurzfristig gewinnorientiert handelnden aggressiven Investoren) und die Identifikation der Belegschaft mit ihrem Unternehmen zu stärken (vom Nur-Mitarbeiter zum Auch-Miteigentümer).

Die Mitarbeiterkapitalbeteiligung wird von Mitarbeiteraktionären auch als 3. Stufe der Arbeitnehmermitbestimmung gesehen, nach der betrieblichen Mitbestimmung (BetrVG, SprAuG) und der Unternehmensmitbestimmung (DrittelbG, MitbestG, Montan-MitbestG). Mitarbeiteraktionärsvereine empfinden sich nicht als Konkurrenz zu den Arbeitnehmervertretungen der beiden ersten Mitbestimmungsstufen, sondern vielmehr als deren erforderliche Ergänzung, um im globalisierten Wirtschaftsleben nicht nur Getriebener, sondern auch Handelnder der Kapitalmärkte zu sein.

Kontakt: rainer.sieg@uni-passau.de

Prof. Dr. Rainer Sieg ist ehemaliger Aufsichtsrat und Konzernsprecherausschussvorsitzender der Siemens AG. Zudem ist er stellvertretender Vorsitzender des Vereins für Mitarbeiteraktionäre: „Wir für ­Siemens“, Beirat des EVONIK-Mitarbeiteraktionärsvereins und Hono­rar­professor an der Juristischen Fakul­tät der Univer­sität Passau. Neben seinem Engagement als ehrenamtlicher Richter am Bundes­arbeitsgericht war er langjähriger Vorstand des DFK – Verband für Fach- und Führungskräfte.

 

Bildquelle 1: © DFK - Verband für Fach- und Führungskräfte
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