Wertschätzung: vernachlässigter Erfolgsfaktor für Unternehmen oder einfach nur Kuschelfaktor? Schwerpunkt Mitarbeiterorientierung

Mareike Totzek

von Mareike Totzek

Der vom Beratungsunternehmen GALLUP jährlich veröffentlichte Mitarbeiter-Engagement-Index gibt Anlass zur Freude, da im zweiten Jahr in Folge der Anteil der deutschen Arbeitnehmer, die innerlich gekündigt haben, gesunken ist. Dennoch sind die Zahlen alarmierend: 15% aller Arbeitnehmer sind demnach emotional nicht an ihr Unternehmen gebunden und haben innerlich gekündigt. 70% der Arbeitnehmer sind gering an ihr Unternehmen gebunden und machen lediglich Dienst nach Vorschrift.

Die emotionale Verbundenheit der Mitarbeiter hat direkten Einfluss auf Fehlzeiten und auf die Bindung an das Unternehmen. Sie steht damit in direktem Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens. Es ist schwer nachvollziehbar, warum Unternehmen es sich dennoch leisten, dass sich nur 15% ihrer Mitarbeiter mit Begeisterung und Engagement einbringen. Die Befragung der Arbeitnehmer in der Studie zeigt auch, dass die Vorgesetzten in der Beurteilung ihrer Führungsqualität schlecht abschneiden und Kündigungsgrund Nr. 1 sind.

Bedürfnisse nicht erfüllt

Grundlegende Mitarbeiterbedürfnisse wie z.B. „Als Mensch gesehen werden“ und „Anerkennung“ sind bei Mitarbeitern, die keine emotionale Bindung zum Unternehmen haben, praktisch nicht erfüllt. Ein Grund, warum sich das Prinzip der Wertschätzung bisher so wenig etablieren konnte, obwohl es seit vielen Jahrzehnten als zentrales Thema der Ökonomie bekannt ist, mag in der Haltung von Führungskräften begründet sein.

Der amerikanische Psychologe Douglas McGregor hat bereits 1960 umfangreiche Untersuchungen durchgeführt und aus seinen Ergebnissen zwei unterschiedliche Haltungen abgeleitet. Die Theorie X geht davon aus, dass der Mensch an sich faul ist und durch starke äußere Anreize motiviert werden muss. Die Theorie Y nimmt an, dass der Mensch von sich aus motiviert ist und zum Erfolg beitragen möchte. Die Führungsstile beider Theorien unterscheiden sich entsprechend: Kontrolle und Steuerung versus Vertrauen und Unterstützung. McGregor hat herausgefunden, dass die meisten Menschen von sich glauben, sie gehörten zu den Menschen mit der Y-Haltung. Personen in ihrem Umfeld dagegen schrieben sie eher eine X-Haltung zu, woraus sich ein steuernder, kontrollierender Führungsstil ergibt, der wenig  kompatibel mit einem wertschätzenden, auf Vertrauen basierenden Stil ist.

Trotz bewiesener ökonomischer Relevanz hat Wertschätzung im Führungsalltag eher den Stellenwert des „Kuschelfaktors“.  Leistungssteigerung und eine menschlichere Arbeitswelt schließen einander nicht aus. Ein positives Arbeitsumfeld ist eine Voraussetzung für Leistungssteigerung. Jede Führungskraft kann für mehr Wertschöpfung durch Wertschätzung beitragen.

Das kleine Einmaleins der Wertschätzung

Zur Verbesserung ihrer Führungsqualität steht Führungskräften ein unmittelbarer Hebel  zur Verfügung: ein wertschätzender Führungsstil. Um authentisch wertschätzend führen zu können, muss zunächst die eigene Haltung überdacht werden und der Theorie Y eine Chance gegeben werden. Wertschätzung sollte nicht nach dem Gießkannenprinzip verteilt werden, sondern sollte individuell angebracht werden. Jeder Mensch hat eine bevorzugte Form der Wertschätzung, die er besonders leicht und gerne gibt und die er am liebsten empfängt. Mitarbeiter, denen man vertraut und denen man etwas zutraut, empfinden viel Wertschätzung. Die Ankündigung einer Führungskraft, dass etwas fortan nicht mehr kontrolliert wird, führt in den wenigsten Fällen zu schlechterer Qualität oder Missbrauch, meist zu Leistungssteigerung und Verantwortungsübernahme.

Lob ist mehr

Oft wird das Prinzip „Nicht gemeckert ist genug gelobt“ gelebt oder von oben herab gelobt („Das haben Sie sehr gut gemacht.“). Um Anerkennung und Dank authentisch auszudrücken, bedarf es etwas mehr. Besser ist es, in Worte zu fassen, was Sie Besonderes beobachtet haben und welches Ihrer persönlichen Bedürfnisse dadurch erfüllt wurde. Wertschätzende Haltung zeigt sich im Führungsalltag überall durch das persönliche Verhalten einer Führungskraft. Zum kleinen Einmaleins des wertschätzenden Umgangs miteinander gehören die sehr einfachen Spielregeln, wie z.B. die Zeit der Anderen zu respektieren, ausreden lassen, ungeteilte Aufmerksamkeit in Besprechungen (Handy aus, keine Arbeit am Laptop), aber auch die Fürsorge, dass jeder gehört wird. Wertschätzung drückt sich ebenfalls durch das Anbieten von Hilfe und Unterstützung aus. Ein solches Angebot sollte aber auch abgelehnt werden können und die Form der Unterstützung gemeinsam gefunden werden. Mitarbeiter freuen sich über einen persönlichen Geburtstagsgruß, Ihr Team über Kuchen zum Teammeeting oder einen Schokoladenosterhasen, der morgens am Arbeitsplatz wartet.

Dies sind nur ein paar Anregungen, wie Führungskräfte durch ihr Führungsverhalten zu einem positiveren Arbeitsumfeld beitragen können. WERTSCHÄTZUNG ist für viele Berater und Coachs Herzensthema. Wir freuen uns darauf,  Führungskräfte und Teams individuell in ihrer Kulturentwicklung zu mehr Wertschätzung unterstützen zu dürfen.

Kontakt: www.mareike-totzek.de

Mareike Totzek ist systemische Beraterin und Coach mit langjähriger Managementerfahrung.

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