Glücksstreben und Optimierungswahn Schwerpunkt Mitarbeiterorientierung

Christoph Smak

von Christoph Smak

Wollen Sie wissen, wie man Teilnehmer eines Entschleunigungs-Seminars richtig nervös macht? Indem man es anfangs ruhig angehen lässt und sich zunächst Zeit nimmt anzukommen. Fragt man, warum mancher so hibbelig wird, antworten diese, dass hier gerade so wenig passiert.

Diese Menschen sind nicht etwa unhöflich oder haben das Seminarthema nicht verstanden. Sie sind es schlichtweg nicht gewohnt, dass nicht sofort etwas passiert, was sie voranbringt. Schnell zu bekommen, leicht zu verstehen, sofort anwendbar. Ob es nun Technologieangebote, Karrierefibeln oder Beziehungsratgeber sind, in allen Bereichen finden wir diesen Dreisatz. Die Optimierung ist heutzutage die Mutter aller Dinge.

Dies ist im Grunde kein so schlechter Ansatz. Hätten unsere Urahnen den Wunsch nach Optimierung nicht ebenfalls in sich getragen, so hätten sie sich und ihr Umfeld auch nicht verbessert. Zuweilen jedoch nimmt unser Optimierungsstreben wahnsinnige Ausmaße an. Wie kommt das? Warum hören wir nicht auf, wenn wir eine gewisse Schwelle erreicht haben? Was versuchen wir, mit unserem Streben zu erreichen?

Suche nach dem Glück

Grundsätzlich sucht jeder Mensch nach seinem persönlichen Glück. Die Vorstellungen, was dies bedeutet, können unterschiedlich und sogar gegensätzlich sein, doch im Grunde will jeder für sich nur das Beste. Aber weil „Glück, Zufriedenheit und Wohlergehen“ so schlecht (be-)greifbare Zustände sind, konzentriert man sich häufig auf das, was fassbar und verrechenbar ist. Häufig die Karriere. Und so wird diese mit dem Glück gleichgesetzt, was zunächst eine angenehme Rechnung ist. Denn so wird aus dem Glück, welches im Deutschen auch „Zufall“ bedeuten kann, etwas, was man fest in der Hand hat und mit genügend harter Arbeit erreichen kann. Mehr Erfolg bedeutet also mehr Glück. Also rauf auf die Karriereleiter, irgendwo da oben wartet das Ideal des Glückszustands!

Wenn diese Rechnung stimmt, warum sind dann erfolgreiche Frauen und Männer, deren Karrieren in Büchern beschrieben werden könnten, allzu oft ausgelaugt, den Sinn hinterfragend und schlichtweg unglücklich? Im Coaching fragen wir uns dann gemeinsam, wann in ihren vergangenen Jahren eine Zeit vorherrschte, in der sie wirklich glücklich und zufrieden waren. Diese gibt es in der Regel. Doch leider liegt sie stellenweise Jahre in der Vergangenheit. Und ja, sie haben es auch selbst gemerkt, dass sie sich von dem Apogäum, dem Höhepunkt ihrer Glückskurve, mit jeder Beförderung, jeder Gehaltssteigerung und jedem Zugewinn an Macht, Prestige und Ansehen noch weiter entfernten. Warum haben sie dann nicht aufgehört, lautet die klare Folgefrage. Die Antwort ist erstaunlich simpel: weil es die Option gab, weiter aufzusteigen, sich weiter zu verbessern und zu optimieren. Kein Druck, kein Muss, sondern die Möglichkeit.

Chancen nutzen?!

Wir – in einer Industrienation lebend – haben alle Optionen der Welt. Man kann sich von jeder noch so ungünstigen Startposi­tion heraus hocharbeiten und ins Unermessliche verbessern. Beispiele findet man hierzu genügend. Zugleich implementiert diese Vielfalt an Möglichkeiten aber auch ein Denken in uns: Du hast alle Chancen dieser Welt, also nutze sie auch! Karriere, Familie, Körper, Freizeit. Alles lässt sich optimieren. Und wann weiß man, ob man schon optimal ist? Indem man sich vergleicht. Aber nicht mit dem Großteil der 7,125 Milliarden Menschen, denen es schlechter geht als uns. Nein, wir finden den einen, der es aus einer uns ähnlichen Startsituation zu wesentlich mehr gebracht hat als wir. Er hat das Ideal vollbracht, und nur er scheint der einzig Glückliche. Und so machen wir weiter mit der Arbeit an uns selbst, dem Vergleich zwischendurch und der Optimierung. Dabei merken wir gar nicht, dass es dabei gar kein Ende, kein Ideal gibt und wir schlichtweg weitermachen und alle Optionen wahrnehmen. Von innen sieht das Hamsterrad aus wie eine Karriereleiter.

Entscheiden heißt verzichten

Im Coaching stelle ich immer wieder fest, dass es in der Tat nicht leicht ist, diesem Kreislauf zu entkommen. Denn man müsste sich entscheiden, den einen und vor allem eigenen Weg zu gehen. Zugleich bedeutet aber jede Entscheidung einen Verzicht auf andere Möglichkeiten. Davor haben viele Menschen Angst. Angst vor der klaren, bewussten und zunächst auch schwierigen Entscheidung, eben nicht alle Optionen zeitgleich wahrzunehmen.

Doch stellen Sie sich vor, Sie könnten neben der Karrierekurve noch weitere skizzieren. Kurven wie Stress, Sinn, Familie, Zeit für sich oder Gesundheit. Aus dieser Mischung könnte man eine wesentlich bessere Rechnung erstellen, an welcher Stelle sie tatsächlich glücklich sein könnten. Die Erkenntnis wäre eine so banale wie geniale: In der ­Mischung mehrerer Parameter liegt das Glück. Keine neue Erkenntnis möchte man sagen? Die gefühlt immer mehr Menschen, die beim Streben nach Glück durch Karriere an ihre Grenzen kommen, widerspricht dem leider.

Um diese Theorie in die Tat umzusetzen, bedarf es aber einer Entscheidung. Und zwar der, manche Option nicht wahrzunehmen. Manche offene Tür zufallen zu lassen und seinen eigenen Weg zu gehen. Dies ist schwierig. Aber wer sich stets alle Türen offen hält, der verbringt sein Leben auf dem Flur. Daher: Mut zur Entscheidung für eine Option. Mut dazu, auch mal ein Plateau zu erreichen und zu sagen, dass man damit zufrieden ist. Mut, sein eigenes Leben zu leben, ohne steten Vergleich.

Übrigens hat unsere Welt voller Optionen ­einen großen Vorteil: Sollten Sie die falsche Tür, die falsche Entscheidung gewählt haben, dann können Sie fast immer wieder umdrehen, zurückkehren und eine andere Option wählen. Denken Sie gerade, dass man damit bereits Zeit vertan hat und nicht mehr das Optimum erreichen kann? So ähnlich denken auch die Teilnehmer zu Beginn des entspannten Entschleunigungs-Seminars.

Christoph Smak entwickelt seit 2005 Personal- und Führungskräfte. Als ehemaliger Vorgesetzter coacht er vor allem angehende und junge Führungskräfte. Er gibt Workshops zu Themen wie Kooperation im Team, Grundlagen der Führung oder Persönlichkeitsentwicklung und begleitet Teams bei inneren Konflikten oder fehlenden Prozessen. www.smak-coaching.de

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