Besuch des Weltkulturerbes Oberharzer Wasserregals

Glückauf! Mit diesem bergmännischen Gruß haben am 13. Mai 2011 der stellvertretende Vorsitzende der Regionalgruppe Niedersachsen Frank Haufe und Geschäftsführer Jörg ten Eicken aus der Geschäftsstelle Essen 53 Teilnehmer im niedersächsischen Clausthal-Zellerfeld anlässlich der Besichtigung des Oberharzer Wasserregals auf dem Betriebshof Clausthal der Harzwasserwerke begrüßen können.

Zu dieser Veranstaltung haben sowohl die Regionalgruppe Niedersachsen vom Verband Die Führungskräfte, als auch die Regionalgruppen Niedersachsen und Anhalt vom Verband der Betriebsbeauftragten für Umweltschutz (VBU) gemeinsam eingeladen.

Seitens der Harzwasserwerke, die neben dem Betrieb der Talsperren heute auch das Oberharzer Wasserregal betreuen, begrüßte der Chemie-Student  Christian Otto die Teilnehmer und gab zunächst einen umfangreichen Überblick über die Entstehungsgeschichte des Oberharzer Bergbaus und über das Ausdehnungsgebiet des Oberharzer Wasserregals.

„Regal“ – nicht für Bücher


Hinter der heute weniger gebräuchlichen Bezeichnung „Regal“ verbirgt sich ursprünglich ein vom Landesherrn verliehenes Nutzungsrecht. Folglich erhielten die Bergleute mit dem sog. Oberharzer Wasserregal das Recht, im Oberharz (wozu u.a. Clausthal-Zellerfeld gehört) Wasser für den Bergbau zu nutzen.

Vor über 1000 Jahren begannen Bergleute im Harz wertvolle Erze abzubauen, da dort Silber und Blei, teilweise auch Kupfer und Eisen gefunden wurde. Im Oberharz verlaufen viele Erzgänge nahezu senkrecht in die Tiefe. Daher musste der Abbau ebenfalls in diese Richtung erfolgen, wodurch tiefe Schächte gegraben werden mussten. Das ständig eindringende Wasser wurde jedoch schon nach wenigen Metern ein großes Problem, mit welchem die Bergleute schon frühzeitig zu kämpfen hatten. Während in früheren Jahrhunderten das Wasser mit Ledereimern durch auf Leitern stehende Wasserknechte an die Oberfläche geschöpft werden musste, stellten später durch Pferde angetriebene sog. Gröpelanlagen einen großen Fortschritt dar, konnten dadurch wesentlich größere Wassermengen zugleich schneller aus der Grube heraus befördert werden. Schließlich wurden die Erzgruben immer tiefer in die Erde getrieben (bereits um 1700 betrugen die Schachtteufen mehr als 300 m). Nachteilig war jedoch daran, dass Pferde teuer waren, Futter benötigten, welches im Oberharz nicht angebaut werden konnte, und zudem wegen der Erschöpfung regelmäßig ausgetauscht werden mussten. Mit der zunehmenden Teufe (= durch Bergarbeiten erreichte Schachttiefe) drang jedoch immer mehr Wasser ins Grubengebäude ein, so dass nach einer weiteren Technik gesucht werden musste, um ein „Absaufen“ der Gruben zu verhindern.

Wasser mit Wasser heben

Der Oberharz war schon immer niederschlagsreich, so dass der „Rohstoff“ Regenwasser vielerorts gut verfügbar war. Schließlich begann die Bergleute große Wasserräder an und in den Gruben zu errichten, die mit Wasser angetrieben wurden, um auf diese Weise beispielsweise Pumpen für die Grubenentwässerung anzutreiben. Diese Räder – Kunsträder genannt – gab es in unterschiedlichen Größen und hatten mit einem Durchmesser bis zu 12 m durchaus eine beachtliche Größe, die jedoch für den Antrieb notwendig war um in Kombination von Fallhöhe und Wassermenge eine entsprechend notwendige Leistung (z.B. 12 PS) entwickeln zu können. Um auch an regenarmen Tagen ausreichend Wasser für den Betrieb der zur Verfügung zu haben, errichteten die Menschen kleinere Teiche zur Speicherung des Regenwassers, welche an Berghängen kaskadenförmig angelegt wurden. Zwar waren die Bergleute seinerzeit noch nicht in der Lage, Staudämme nach heutigen Maßstäben zu errichten, jedoch reichten die technischen Mittel aus, um für diese Teiche Erdwälle mit einer Höhe bis zu 10 m zu errichten. Das entsprechende Knowhow  der damaligen Zeit darf durchaus gewürdigt werden, wenn man bedenkt, dass viele dieser z.T. über 300 Jahre alten Dämme auch heute noch absolut dicht sind und ihre Funktion erfüllen.

Aber auch das Wasser aus den Teichen reichte bald nicht mehr aus, um einen kontinuierlichen Betrieb der Kunsträder zu gewährleisten. Also wurde mehr Wasser aus anderen Höhenlagen des Oberharzes benötigt, welches schließlich über ein sehr verzweigtes Graben- und Stollensystem zu den Einsatzorten transportiert werden konnte. Allerdings wurden für die Errichtung dieses Systems viele Jahrzehnte benötigt. Während offene Gräben entlang der Berge und Höhenzuge schneller errichtet werden konnten, hatten sie jedoch den Preis, dass das Wasser in der kalten Jahreszeit schnell gefror und nicht mehr für die Kunsträder zur Verfügung stand. Neben der Abdeckung der offenen Gräben mit Reisig wurden zugleich Stollen nur für den Wassertransport errichtet. Hierdurch konnte das Wasser über das gesamte Jahr frostfrei transportiert werden. Wie mühselig die Arbeit unter Tage war, lässt sich am Arbeitsfortschritt der Bergleute im 16. Und 17. Jahrhundert ablesen: Während einer 12-stündigen Arbeitsschicht konnte der Stollen mit Eisen und Schlegel nur 2 – 3 cm vorgetrieben werden. Dabei musste in den nassen Stollen kniend gearbeitet werden.

Ein Grubenfrosch als Lichtspender

Nach der Einführung durch Herrn Otto übernahm Herr Jürgen Alich, Bergingenieur der Harzwasserwerke mit weiteren Mitarbeitern die Besuchergruppe, um nun auch einen Einblick in die Unterwelt zu gewähren. Nachdem alle Teilnehmer mit Gummistiefeln, Helmen und Taschenleuchten ausgerüstet wurden, befuhr die Gruppe gemeinsam über einen zunächst offenen Graben die Dorotheer Rösche, ein Stollen der zur Wasserführung diente. Befahrung hieß jedoch nicht, den Stollen per Grubenbahn zu befahren, sondern zu Fuß in gebückter Körperhaltung in die absolute Dunkelheit bei mehr als knöchelhohem Wasser zu betreten. An einigen wenigen Stellen, wo die Grube eine aufrechte Körperhaltung zuließ, erläuterte Herr Alich die Beschaffenheit des Stollens, die verschiedenen Vortriebstechniken und auch die früheren Arbeitsbedingungen. Während die Besucher heutzutage eine komfortable Taschenleuchte verwenden kann, spendete dem Bergmann früherer Jahrhunderte der sog. Grubenfrosch etwas Licht, was jedoch dem Licht einer Kerze entsprach. Der Brennstoff hierzu wurde vom Steiger, dem Vorgesetzten, den Bergleuten beim Einfahren zugeteilt. Der Brennstoff musste für eine Schicht reichen, wobei die anschließende Befahrung nicht selten in absoluter Dunkelheit erfolgen musste, wollte man mit der Zuteilung die Schicht bestehen.

Nach der nahezu einstündigen Befahrung erreichte die Besuchergruppe einen inzwischen wieder freigelegten Wetterschacht, über den alle Teilnehmer wieder an das Tageslicht gelangen konnten. Da die Sohle dieser Grube jedoch bei 24 m unter Tage lag, konnte der Ausstieg nur über ein Leitersystem gelangen, was am Ende doch noch einige Kräfte der Teilnehmer beanspruchte.

Das Oberharzer Wasserregal – heute Weltkulturerbe


Mit dieser abenteuerlichen Befahrung hat die Gruppe jedoch nur einen kleinen Ausschnitt des gesamten Systems des Oberharzer Wasserregals kennenlernen können, welches aufgrund seiner weltweit einmaligen Bedeutung als vorindustrielle Energiegewinnungs- und Energieversorgungsystem 2010 von der UNESCO sogar zum Weltkulturerbe ernannt wurde. Das gesamte System umfasste einst mindestens 149 Teiche, mehr als 500 km Gräben und mehr als 30 km unterirdische Wasserläufe, wovon durch die Harzwasserwerke 65 Teiche, 70 km Gräben und 21 km Wasserläufe unterhalten werden. Der Ernennung zum Weltkulturerbe verpflichtet jedoch nicht nur zum bloßen Bestandserhalt der Anlagen, sondern auch zur fortgesetzten Betriebsfähigkeit, so dass in den Teichen weiterhin Wasser gestaut wird und das Wasser in den Gräben und Stollen fließen kann.

So ging am späten Nachmittag für alle Teilnehmer ein eindrucksvolles Erlebnis zu Ende, welches noch genügend Themen für anschließende Diskussionen bot und dessen Besuch in jedem Fall zu empfehlen ist.


Autor: Frank P. Haufe

Weitere Informationen zum Thema: www.harzwasserwerke.de

Besucheranfragen Oberharzer Wasserregal: info(at)harzwasserwerke.de

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