Doping im Beruf - Ursachen, Risiken und Therapiemöglichkeiten von Dr. med. Hubert C. Buschmann

Dr. med. Hubert Christoph Buschmann

Es gibt kaum noch eine Sportart, die nicht durch Dopingskandale negativ auffällt. Fast jeder Sportler glaubt oder sieht sich gezwungen, seine Leistung durch Einsatz von Substanzen zu steigern. Leider macht diese Entwicklung auch nicht vor den Büros und Chefetagen halt. Immer mehr Berufstätige sehen sich, vielleicht durch Arbeitsverdichtung, vielleicht aber auch durch überzogene subjektive Ansprüche an ihren Erfolg, gezwungen, leistungssteigernde Substanzen regelmäßig einzusetzen.

Galt früher der Spruch „one apple a day keeps the doctor away“, so hört man heute schon in der amerikanischen Arbeitswelt „one pill a day keeps the Boss away“.

Der Trend, seine Arbeitsleistung durch die Einnahme von Medikamenten oder Drogen zu steigern, nimmt immer mehr zu.

Ursachen des Drogenkonsums

Teilweise liegen die Ursachen in der hohen Arbeitsverdichtung, besonders aber im eigenen Anspruch an sich selbst begründet, immer perfekt und allzeit leistungsfähig zu sein, nicht müde werden zu dürfen, durchzuhalten, Vorbild zu sein. Gerade auch Führungskräfte haben einen hohen Anspruch an sich selbst. Die Problematik der Einnahme leistungssteigernder Substanzen folgt dem generellen Trend eines veränderten Suchtmittelkonsums im letzten Jahrzehnt.

Dem allgemeinen Bedürfnis folgend, dass die Medizin entweder mit der „Pille“ oder dem „Messer“ alles möglich macht, steigt die deutliche Bereitschaft in der Bevölkerung, leistungssteigernde Substanzen einzusetzen, wie dies auch in der DAK-Studie 2009 nachgewiesen wurde.

Welche Drogen werden verwendet?

Unter den eingenommenen Medikamenten spielen vor allem das Methylphenidat (Ritalin) und das Modafinil (Vigil) als Substanz zum Neuro-Enhancement eine große Rolle. Beide Substanzen führen zu einer vermehrten Aufmerksamkeit, zu einem Nachlassen der Müdigkeit, zu einer Erhöhung der Konzentrationsfähigkeit und insgesamt dadurch zu einer vorübergehenden Erhöhung der Leistungsfähigkeit. Daher werden diese Medikamente oft missbräuchlich eingesetzt. Teilweise werden diese Medikamente ärztlich verordnet, aber auch illegal beschafft (Internet).

Bei den illegalen Drogen spielen hauptsächlich Amphetaminderivate und das Kokain eine Rolle. Beide Substanzen wirken hauptsächlich über das serotonerge und noradrenerge System und prägen entscheidend Stimmungslage, Antrieb sowie Kommunikationsfähigkeit und führen durch das Verschwinden von Hunger- und Müdigkeitsgefühl zu einer scheinbaren Verlängerung der Einsatzbereitschaft.

Gefahren

Wenn diese Substanzen aber zunächst doch funktional wirken, was ist dann so gefährlich bezüglich deren Einnahme?

Das Verführerische ist, dass die Substanzeinnahme zum Neuro-Doping zunächst deshalb nicht als Problem gesehen wird, weil ja die Leistungssteigerung positiv besetzt ist. Durch die rasche Gewöhnung der Rezeptoren im Bereich der Neurotransmitter im Gehirn kommt es sehr schnell zu einer Anpassung an die Substanz, einer Verregelmäßigung der Einnahme und einer Dosissteigerung. Unter Absetzen der entsprechenden Substanzen dann zu einer vermehrten Müdigkeit, zu einem Nachlassen von Konzentrations- und Leistungsvermögen, so dass immer häufiger und immer rascher durch die Einnahme neuer Substanzen die Leistungsfähigkeit aufrechterhalten werden muss. Nicht selten werden nach der Einnahme entsprechender Substanzen und der Beendigung des Dienstes dann zuhause wiederum Alkohol oder Sedativa eingesetzt, um „wieder runterzukommen“, um zumindest einige Stunden schlafen zu können.

Abhängigkeitsspirale

Daher kommt es dann häufig zu einer kombinierten Abhängigkeit von leistungssteigernden Substanzen sowie im Gegenzug zur regelmäßigen Einnahme von Alkohol, Schmerz- oder Beruhigungsmitteln. Zusätzlich treten Langzeitveränderungen des Hirnstoffwechsels mit erheblichen Konzentrationsstörungen, rascher Ermüdbarkeit und längerdauernden depressiven Verstimmungen auf. Der hohe Anspruch an sich selbst, perfekt sein zu wollen, besser sein zu wollen als andere, verbunden mit dem entsprechenden starken Leistungsstreben, aber auch dem starken Leistungsdruck, fördert die Neigung zur Einnahme entsprechender Substanzen. Zusätzlich wirkt das hypothalamische Belohnungssystem durch den direkten beruflichen Erfolg im Sinne der Verstärkung besonders suchtfördernd. Die ständige Verfügbarkeit, nicht müde werden zu wollen oder zu dürfen, lange Arbeitseinsätze sowie eine einseitige Definition der Lebenszufriedenheit über beruflichen Erfolg sind mit begünstigende Faktoren der entsprechenden Entwicklungeiner Abhängigkeit. Zusätzliche Probleme durch Misserfolge im Job, hierarische Unterordnungen, die nicht hingenommen werden können, oder eine problematische Ehe fördern diese Entwicklung. Man gerät in eine Spirale aus Selbstwertproblematik und dem entsprechenden Drang nach erneuter Einnahme der Substanz sowie in einen Teufelskreis aus Angst vor Versagen und den tatsächlichen ersten Misserfolgen durch den veränderten Hirnstoffwechsel und die entsprechenden negativen Langzeitwirkungen der Substanzen. Diese sind oft mit einem deutlichen Nachlassen der Leistungsfähigkeitund depressiver Entwicklung verbunden.

Ansprache ist wichtig und hilfreich

Wichtig ist, diese Kolleginnen und Kollegen auf den Suchtmittelkonsum anzusprechenund ihnen Wege der Behandlung aufzuzeigen. die aktive Auseinandersetzung mit dem Betroffenen muss als Führungsaufgabe verstanden werden. In der AHG Klinik Tönisstein behandeln wir in einer speziellen Gruppe zunehmend Patienten, die unter einer Abhängigkeit von Lifestyledrogen leiden. Gerade diese äußern sehr häufig, dass sie froh gewesen wären, wenn sie früh genug von kollegen oder vorgesetzten auf ihren Suchtmittelkonsum angesprochen worden wären.

Es ist wichtig, die Drogeneinnahme als Lebensstil oder Arbeitsstil in Frage zu stellen. Der Vorstellung, dass nur ein „gedopter“ Mitarbeiter ein guter Mitarbeiter ist, muss klar entgegengewirkt werden, da der „gedopte“ Mitarbeiter über kurz oder lang so krank sein wird, dass er als Mitarbeiter nicht mehr tragbar ist, und damit die Gefahr besteht, diesen Kollegen zu verlieren. Wichtig ist die Vorbeugung z.B. durch die Vorbildfunktion der Vorgesetzten, aber auch in der Eindeutigkeit, mit Suchtmittelproblemen offen umzugehen. Dies sollte auch Inhalt einer entsprechenden Unternehmensphilosophie oder des betrieblichen Gesundheitsmanagements sein. Nach dem offenen und klaren Gespräch mit dem betroffenen Kollegen ist es wichtig, ihm Hilfe aufzuzeigen. Diese gibt es über entsprechende Beratungsstellen. Viele Fachkliniken sind aber noch zu wenig spezialisiert auf die besondere Problematik in der Behandlung von Patienten mit dieser Abhängigkeitsproblematik.

Gerade Führungskräfte neigen dazu, „alles selbst im Griff zu haben“ und wenig Hilfe von außen annehmen zu wollen. Bei entsprechender Spezialisierung der Angebote sind die Behandlungserfolge unter der Voraussetzung einer entsprechenden Veränderungsmotivation sehr hoch. Wichtig ist aber der klare Umgang mit dem Kollegen mit einem eindeutigen Hilfeangebot.

Man darf nicht wegschauen und damit den Mitarbeiter fallen lassen.

Wer ist betroffen? Typische Berufsbilder

  • besonders lange Arbeitszeit
  • nicht nur Führungskräfte
  • Kommunikationsfähigkeit, Kreativität
  • Presse, Funk, Fernsehen
  • Kreativberufe, Künstler
  • Sport
  • Bankwesen
  • It-Branche
  • Werbebranche
  • u. v. a.

Kontakt: HBuschmann(at)ahg.de

Dr. med. Hubert Christoph Buschmann, Facharzt für Neurologie und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er hat seit über 30 Jahren Erfahrung in der Behandlung von Suchtpatienten und Abhängigkeitserkrankungen. Seit ca. 18 Jahren ist er Chefarzt der AHG Klink Tönisstein, vorher war er Stellvertretender Chefarzt der Fachabteilung für Suchterkrankungen der rheinischen Kliniken Bonn.

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