Abwärts ins weisse Dunkel

20 Jahre nach dem letzten Kali – Merkers macht als Erlebnis Bergwerk auf sich aufmerksam

Die Kristallgrotte

Tief hinab reisten kürzlich die Pensionäre der Regionalgruppe Sachsen-Thüringen. Pensionärssprecher Dr. Wolfgang Landgraf hatte eine Einfahrt ins Erlebnis Bergwerk Merkers organisiert.

Abwärts! Mit den Pensionären steht ein Dutzend Teenager im Förderkorb und so erleben auch die seriösen Ausflügler schon nach den ersten Metern Geisterbahn-Stimmung. Das Tageslicht verschwindet. Der Druck auf den Ohren nimmt zu. Allgemeines Kreischen. Aber das Problematischste für die jungen Mitreisenden: Die Handys finden kein Netz mehr. Die Kaligrube von Merkers nennt sich nicht grundlos Erlebnis Bergwerk.

In einer Tiefe von 507 Metern angekommen, steigen die Besucher auf Pritschenwagen um. Durch die weißen Helme der dicht beieinanderhockenden Fahrgäste muten die LKW-Cabrios wie überproportionale Eierschachteln an. „Alles klar? Immer schön sitzen bleiben und Hüte festhalten!“ tönt es aus dem Lautsprecher. An Steuer und Mikrofon sitzt Ulf Schmidt. 1978 hat er hier als Kalikumpel angefangen. Jetzt nennt sich der Beruf des einstigen Steigers Besucherführer.

Seit zwei Jahrzehnten kommt aus dieser Grube kein Salz mehr. Merkers wurde im Sommer 1993, wie seit 1990 die meisten Kaliwerke in Thüringen, von der Treuhandanstalt geschlossen. Die Begründung lautete: Sie sind aus technischen und geologischen Gründen nicht wettbewerbsfähig, beispielsweise mit zu geringen Lagerstättenvorräten ausgestattet. Erhalten wurden die Standorte Zielitz (Sachsen-Anhalt) und Unterbreizbach (Thüringen), die zusammen mit dem Salzwerk Bernburg in ein neues Unternehmen, die heutige „K+S KALI GmbH“ eingebracht wurden. Unterbreizbach bildet mit den hessischen Produktionsstandorten Philippsthal und Heringen das Kaliwerk Werra, das mit einer Rohsalzförderung von rund 20 Millionen Tonnen pro Jahr als das größte weltweit gilt. Aus den rund 4.000 Kaliwerkern, davon 1.200 Bergmännern, die in den Achtzigern in Merkers arbeiteten, sind – zieht man die 15 Besucherführer ab – aktuell rund 100 geworden. Ihre Aufgabe sind Sicherungsarbeiten, also das Verfüllen von Hohlräumen unter bewohnten Gebieten.

Doch davon sieht der Besucher in der unterirdischen Landschaft mit einem Stollen-Netz von 4.600 Kilometern nichts oder bestenfalls ein paar Bergleute, wenn sie in ihren weißen Anzügen von der Frühschicht kommen. Eigentlich erscheint das ganze Bergwerk, als sei es für die jährlich rund 80.000 Erlebnishungrigen geschaffen worden: ein oberirdisches Informationszentrum mit Gaststätte, Souvenirladen und Kauen, also Umkleideräumen; untertage LK W mit gepolsterten Bänken, Ausstellungen, Lasershows, Toiletten und sogar Bars. Und mit Besucherführern, die ihr Handwerk verstehen. Ulf Schmidt kann in viele Rollen schlüpfen. Ganz Bergmann ist er, wenn er die Gesteine, Maschinen und Arbeitsabläufe erklärt.

Ernsthaft spricht er über jene Jahre, in denen KZ-Häftlinge hier unten für die Rüstungsindustrie schuften mussten und, wennüberhaupt, nur einmal pro Woche ein paar Augenblicke ans Tageslicht durften. Ganz Historiker wird er bei der Beschreibung jenes Tages im April 1945, als amerikanische Truppen in den Salzhöhlen Kunstschätze, Geld und 220 Tonnen Gold der Reichsbank – mit einem heutigen Gesamtwert von etwa 2,2 Mrd. Euro – fanden und bargen; so ähnlich wie im derzeit entstehenden Film „The Monuments Men“ mit George Clooney. Im Bergwerk Merkers wird zwar nicht gedreht, aber dass die Thematik ins Scheinwerferlicht rückt, spüren dessen PR-Leute bereits.

Und manchmal schlüpft Schmidt auch in die Rolle des Animateurs, zeigt den Gästen, wo sie sich einen Salzbrocken mitnehmen dürfen, oder kutschiert seinen Wagen voller juchzender Passagiere in scheinbar rasender Fahrt durch das bergige und kurvenreiche Untertage-Labyrinth. Bis er plötzlich bremst, stehen bleibt, die Schweinwerfer löscht. Absolute Dunkelheit. Hunderte Meter unter der Erdoberfläche. Es wäre da auch absolute Stille, würden nicht die ersten Helden schon fluchend an ihren Handys fingern, um den Grusel mit LED -Lampen zu vertreiben.

Die Rolle des Fremdenführers ist für Schmidt vermutlich die am wenigsten komplizierte, denn er kann in Superlativen schwelgen. Beispielsweise ist das Bergwerk seit 2006 ein Ankerpunkt der Europäischen Route der Industriekultur, der einzige Thüringens. Der Großbunker ist der größte untertägige Konzertsaal. Aber meist punktet die Tiefe: An einer Gesteinswand prangt das tiefste Graffiti der Welt. In dem döst der größte und tiefstgelegene Schaufelradbagger der Welt vor sich hin. Und natürlich ist der Hochseilgarten der tiefste seiner Art. Auch manches – natürlich tiefstes – Rummelplatz-Equipment ist hier unten gestrandet; wen das verwundert, der erfährt, dass sich die garantiert regenfreien Partys in diesen Gewölben größter Beliebtheit erfreuen.

Der Höhepunkt der Tour ist der tiefste: die Kristallgrotte 800 Meter im Berg. Der rund 60 Meter lange Hohlraum, an dessen Wänden sich riesige funkelnde Salzquader stapeln, wurde 1980 bei Erkundungsarbeiten für die Kaligewinnung entdeckt. Inzwischen adelt ihn das Prädikat „Nationales Geotop“ und er teilt so die Gesellschaft der Kreidefelsen von Rügen oder der Hochseeinsel Helgoland. Aber die Pracht der Grotte wird nicht von ewiger Dauer sein. „In wenigen Jahrzehnten“, so Schmidt, „holt sich der Berg diesen Hohlraum vielleicht zurück.“ Also spielt der Mensch seine kurze Gastrolle mit Leidenschaft. Eine farbige Lichtshow mit feierlicher Musik wurde inszeniert und auf dem Aussichtsbalkon findet gelegentlich sogar ein Standesamt Platz.

Aufwärts! Nach fast drei Stunden stehen wieder alle im Förderkorb. Das Tageslicht kehrt zurück. Das Netz auch. Es bleibt das Stück Salz in der Tasche.

Marlies Heinz

Kontakt: www.heinz-report.de
Marlies Heinz ist freie Journalistin und hat die Gruppe begleitet.

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