"Europa darf die Hoffnungen in der Ukraine nicht enttäuschen"

Interview zur Lage in der Ukraine mit Ralf T. Krüger, DIE FÜHRUNGSKRÄFTE – DFK

Euromaidan in Kiev, 21. Februar 2014.<br>(c) By Amakuha (Own work), via Wikimedia Commons

Die Nachrichten vom Maidan im Herzen Kiews haben Europa erschüttert. Nach den Tagen der Gewalt scheint jetzt mit der Übergangsregierung Ruhe einzukehren. Die Lage verändert sich derzeit rasant. Als Mitglied eines Vereins für politische Beratung ist DFK-Mitarbeiter Ralf T. Krüger seit einigen Jahren privat in der Ukraine aktiv.

Herr Krüger direkt zum Start: Hat die Demokratie in der Ukraine gesiegt?

Das wäre sehr schön, aber so leicht kann man es sich jetzt leider nicht machen. Die Ukraine hat noch einen langen Weg vor sich, auf dem die EU das Land unterstützen muss. Neuwahlen, eine neue Regierung und die daraus resultierende Politik. Das ist kein Selbstläufer. Europa hat da eine große Verantwortung übernommen. Nicht nur politisch, auch finanziell wird die EU stützend eingreifen müssen.

Seit einigen Jahren sind Sie in Sachen politischer Bildung in der Ukraine unterwegs. Das klingt nach einer ungewöhnlichen Freizeitbeschäftigung. Was treibt einen da an?

Mit unserem gemeinnützigen Verein, „Forum für politische Beratung e.V.“ beraten und unterstützen wir politische und gesellschaftliche Organisationen in Transformationsländern beim Aufbau einer effektiven Arbeits- und Organisationsstruktur. Wir glauben an das, was wir in Deutschland so einfach „Zivilgesellschaft“ nennen. Ohne sie kann es keine demokratische Gesellschaft geben. Wenn Sie so wollen betreiben wir eine Art von „Grass-Roots-Demokratisierung“. Uns ist die Arbeit mit jungen Menschen wichtig, die etwas verändern wollen. In unserem Verein kommen u.a. Kommunikations- und Politikberater zusammen, die ihr Wissen weitergeben.

Was sagen diese jungen Menschen?

In unseren Seminaren sind wir überparteilich und pluralistisch. Wir hören oft sehr unterschiedliche Meinungen zu Dingen. Bei einem Thema besteht allerdings eine recht große Einigkeit: Die jungen Menschen wollen Europa. Sie wollen eine Ukraine, die Teil Europas ist und das, obwohl die EU sie in der Vergangenheit enttäuscht hat. Die Klarheit, mit der dort gedacht und gesprochen wird, ist oft sehr beeindruckend. Sie sind enttäuscht von den (politischen) Eliten des Landes, die oft eher an sich selbst denken als an die Ukraine.

Wie kommt ein solch breites Spektrum an Teilnehmern in ihren Seminaren zusammen?

Über Partner und Internetforen werden unsere Seminare von einer Projektkraft vor Ort beworben. Die Interessierten bewerben sich schriftlich bei uns und wir laden dann in den Oblasten, also Regionen, zu Auswahlgesprächen ein. Wir wollen eher diejenigen als Teilnehmer, die aus „zweiten Reihe“ kommen. Keine Profi-Funktionäre, die schon alles kennen und überall waren. Wie bereits beschrieben eher im Sinne einer Demokratisierung von unten. Dabei achten wir auch darauf, ungefähr ein gleiches Verhältnis der Geschlechter im Seminar zu haben. Und natürlich möglichst viele unterschiedliche Organisationen.

Referieren Sie dann auf Ukrainisch und Russisch?

Ich wünschte das wäre so, aber das geben meine Sprachkenntnisse leider nicht her. Wir haben eine professionelle Übersetzung, was auch bei der kulturellen Verständigung sehr oft hilfreich ist. Mein rheinischer Humor ist selbst in Deutschland nicht immer kompatibel und eine fehlgelaufene Diskussion wegen falsch verstandener Worte wollen wir vermeiden. Abends beim Bier geht es dann etwas gelassener zu. Die meisten sprechen auf Russisch miteinander, manche können auch Deutsch oder Englisch. Uns liegt dieser Austausch besonders am Herzen, da wir auch etwas lernen wollen. Unsere Seminare dauern in der Regel nur ein Wochenende, da bleibt nicht viel Zeit. Auch wenn ich nicht viel von dem Ort sehe, will ich doch ein Gefühl dafür bekommen, was die Menschen dort bewegt. Und wie sie denken.

Und diese Menschen blicken jetzt also nach Westen?

Ein sehr großer Teil ja. Aber es wäre naiv zu glauben, dass Putin seinen Einfluss so schnell aufgibt. Ein autoritärer Staat wie Russland tut sich schwer mit einer Demokratie westeuropäischer Prägung, die direkt ans eigene Land grenzt. Zumal wenn dort russisch gesprochen wird. Wenn also etwas in der Ukraine erreicht werden soll wird das nicht ohne die Zustimmung des Kreml gehen. Das wissen die Menschen auch. Verständlicherweise begeistert das nicht jeden. Das ist auch je nach Region deutlich anders. Ganz im Westen ist die Furcht sicher größer als ganz im Osten.

 

Das Wort von einer Spaltung des Landes macht die Runde

Die Fliehkräfte sind derzeit besonders groß. Die Menschen, die derzeit gemeinsam auf dem Maidan stehen sind bei weitem nicht alle einer Meinung. Das sind nicht alles pro-europäische Demokraten, wie wir sie uns vorstellen. Man nehme als Beispiel nur die Extremisten von „Rechter Sektor“. Da ist sehr viel Zündstoff drin. Bislang werden sie geeint vom Hass auf die bislang herrschenden politischen Eliten. Ich denke eine große Mehrheit will den Staat Ukraine, auch wenn es im Osten des Landes große Beharrungskräfte in Richtung Russland gibt. Gerade dort, wo man sich aufgrund der Industrie positiv an die Sowjetunion erinnert, geht es vielen zu schnell mit dem Weg nach Westen. Dort hat auch Janukowitsch sicher noch Rückhalt.

Wird Julia Timoschenko jetzt erneut die Führung übernehmen?

Dafür ist sie zu schlau. Auf die Ukraine kommen sehr harte Zeiten zu. Die Wirtschaft liegt am Boden und es werden Einschnitte kommen und sehr, sehr unpopuläre Maßnahmen. Sie wird vermeiden damit zu sehr in Verbindung gebracht zu werden. Zudem hat auch sie gute Verbindung zu den Oligarchen. Sie als Lichtgestalt zu sehen ist bestenfalls naiv. Allerdings kann es ihr vielleicht, anders als anderen, gelingen die Opposition zusammenzuhalten.

Und Klitschko?

Er wird nicht als Teil der politischen Elite des Landes angesehen. Das ist Fluch und Segen zugleich. Viele beklagen die mangelnde politische Erfahrung und sein kooperatives Auftreten während der Verhandlungen. Zugleich ist er natürlich frei von dem Geruch der Korruption und Vorteilsnahme, der vielen aus den Eliten anhängt. Zudem wirkt er wenig charismatisch. Da wird er es bei der Wahl schwer haben.

Was können wir für die Ukraine tun?

Sie und ich? Interesse zeigen. Informiert sein. Die Menschen in der Ukraine wissen sehr genau, wofür wir uns interessieren und welchen Stellenwert ihr Land bei uns hat. Wenn die Ukraine zu Europa gehören soll, darf uns das Land nicht egal sein.

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