„Frauenquote sorgt für größeren Wettbewerb“

Interview mit Annette Bruhns, 1. Vorsitzende von ProQuote Medien e.V.

Annette Bruhns

Februar 2012: Rund 350 Journalistinnen fordern eine Frauenquote von 30% für Führungspositionen in den Medien. Das war die Geburtsstunde des Vereins „ProQuote Medien“. Wir sprachen mit Annette Bruhns, der 1. Vorsitzenden von ProQuote:

Wir haben immer gedacht, die Medienbranche sei besonders modern und fortschrittlich. Und trotzdem muss die Frauenquote gefordert werden und das jetzt sogar mit einem eigenen Verein, dem „ProQuote Medien e.V.“?

In Deutschland erscheinen täglich rund 350 Tageszeitungen – zu 98% werden sie von Männern an der Spitze verantwortet. Auch die Intendanten der Fernsehsender, die Programmdirektoren, die Chefredakteure der Online-Dienste: mehrheitlich Männer. Sie haben Recht: Das finden wir nicht fort-, sondern rückschrittlich. Unser Verein will die Medien modernisieren.

Wie haben denn die Chefredakteure auf die Gründung von ProQuote reagiert? War es ein schlimmer Kulturschock?

Sie zollen uns Respekt. Sie wissen, dass wir Recht haben: Das zeigen die Reaktionen auf unseren Brief. Wir haben ja im Februar 2012 an alle deutschen Chefredakteure geschrieben und gefragt: 30% Frauen in allen Leitungsebenen im Journalismus bis 2017, schaffen Sie das? Von denen, die geantwortet haben, hat niemand gesagt: Das ist ein schlechtes Ziel. Sondern: Das ist eine Herausforderung, wir bemühen uns. Leider drückt sich der Respekt bei vielen Chefredakteuren allerdings immer noch darin aus, dass sie sich in tiefes Schweigen hüllen, was das Thema angeht.

Warum haben die diversen Selbstverpflichtungen zur Frauenförderung nicht gereicht?

Weil einerseits die Anreize, die Selbstverpflichtungen zu erfüllen, zu niedrig waren, und andererseits der Druck zu groß, das übliche Muster zu bedienen – sprich den mit den Füßen scharrenden, aufstrebenden Mann zu befördern. Deshalb sind wir für eine starre Quote: Sie hilft den Entscheidern, deutlich zu sagen: Sorry, das ist unsere Benchmark, da müssen wir endlich hin, Sie müssen sich gedulden, Herr X. Frau Y ist genauso geeignet wie Sie – auch wenn sie gerade erst aus der Elternzeit zurück ist.

In der Süddeutschen Zeitung wurden Sie in einem Interview als „Die Chefanklägerin“ vorgestellt. Eine zutreffende Beschreibung?

Eine polemische Zuspitzung. Wir klagen nicht an, wir stellen eine Forderung. Und, wie gesagt: Ich kenne keinen einzigen Chefredakteur, der unsere Forderung nicht für sinnvoll hält – zumindest in der Theorie.

Die Forderung nach einer Frauenquote in den Medien wird inzwischen ja auch von einer ganzen Reihe durchaus prominenter Männer unterstützt. Wie schwierig war es, männliche Mitstreiter für Ihr Anliegen zu gewinnen?

Gar nicht! Die, denen es auch längst gestunken hat, immer nur mit Männern auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten, die waren von Anfang begeistert dabei, unser Film enstand ja schon im März 2012. Einige sind dann im Laufe der Zeit dazugekommen – weil sie durch unsere Arbeit gemerkt haben, mit wie viel Heuchelei das Thema Frauenförderung teilweise betrieben wird, etwa beim „stern“. Dort wurde der Redaktion auch dank ProQuote vollmundig 50% Frauen in Führung versprochen – und die nagelneue Chefredaktion war dann wieder komplett männlich. Das ärgert auch manche Männer im Haus.

In Thomas Tuma, wie Sie aus dem Hause Spiegel, haben Sie mit der Quotenforderung keinen Freund gewonnen. In einer sehr uncharmanten Polemik bezeichnete er die Gründerinnen von ProQuote als „Scheinriesinnen“, die ihren Beruf für Lobbyarbeit missbrauchen. Was sagen Sie Herrn Tuma dazu und ist der Frieden inzwischen wiederhergestellt?

Ich habe Herrn Tuma zu einem Bier eingeladen, er hat dann lieber einen Kaffee mit mir getrunken. Seitdem ist er immer noch kein Freund der Quote und er glaubt immer noch, dass Journalistinnen sich nicht öffentlich dafür einsetzen dürfen, dass mehr Frauen Chefinnen werden, aber es herrscht kollegialer Frieden. Ranga Yogeshwar hat übrigens im SPIEGEL Tuma geantwortet und gefragt: Wer, wenn nicht wir Journalistinnen, soll sich denn für dieses wichtige Ziel engagieren? Wir arbeiten transparent und als Verein, wir sind keine klassische „Lobby“, die mit Schmiergeldern oder falschen Zahlen arbeitet. Tumas Essay tut ja so, als gäbe es keinen Unterschied zwischen einem Verein wie „Amnesty International“ und einem wie die amerikanische „National Rifle Association“.

Bei dem Begriff „Quote“ bekommen viele ja schon allergische Reaktionen, wenn sie ihn nur hören. Sagen Sie uns, was durch eine Quote in den Medien besser würde.

Das ist für mich pure Mathematik: Frauen sind genauso klug wie Männer, und sie tummeln sich in ähnlicher Zahl in unserer Branche wie Männer. Ergo würden unsere Medien klüger, wenn nicht nur die besten Männer, sondern auch die besten Frauen diese gestalten würden.

Gegen eine Quote wird oft ins Feld geführt, dass sie leistungs- und qualitätsfeindlich sei. Wie sehen Sie das?

Das ist Quatsch. Die Quote sorgt für größeren Wettbewerb. Kompetente Männer müssten sich nicht nur mit kompetenten Männern messen, sondern auch mit kompetenten Frauen. Es gibt eine neue Studie der London School of Economics, die herausgefunden hat, dass in schwedischen Kommunen dank der Quotierung auch bessere männliche Politiker in Verantwortung kamen.

In einer Studie haben wir festgestellt, dass über 60% der Frauen mit Führungsaufgaben in Unternehmen in ihrem Berufsleben schon einmal wegen ihres Geschlechts diskriminiert worden sind. Machen sie ähnliche Beobachtungen auch in den Medien?

Prozentzahlen habe ich nicht parat, aber ja, ich denke, das ist in allen Branchen gleich. Genau wie der Mangel an Chefinnen eben ein Thema ist, was nicht nur die Medien betrifft. Deshalb arbeitet ProQuote Medien inzwischen auch mit Spitzenfrauen aus Wirtschaft, Medizin, Technik, Forschung und sogar der Agrarbranche zusammen. Wir brauchen überall Quoten, um ein für allemal die „Gläsernen Decken“ zu zertrümmern.

Brauchen wir eine Quote auf Dauer oder setzen Sie darauf, dass Frauen in Führungspositionen auch mehr Frauen nach oben ziehen würden?

Als Optimistin setze ich darauf, dass Quoten nur Krücken, also provisorische Übergangslösungen sind. Es gibt dafür mutmachende Beispiele: Der Sender Berlin-Rundfunk-Brandenburg hat eine Intendantin und in allen Ebenen 40% Frauen in Führung, die Deutsche Welle hat eine Chefredakteurin und ebenfalls 40% Chefinnen, die Berliner Zeitung unter Brigitte Fehrle dito. Und das sind Qualitätsmedien.

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